Laute Geräusche drosseln Immunsystem

30. April 2004, 18:28
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"Internationaler Tag gegen Lärm" am Mittwoch: Forscher warnen vor Gesundheitsrisken

Wien/Hamburg - Lärm hat mehr Auswirkungen auf die Gesundheit, als bisher angenommen wurde. Anlässlich des am Mittwoch begangenen "Internationalen Tags gegen Lärm" wurden die aktuellen Daten veröffentlicht.

Untersuchungen des österreichischen Umweltbundesamtes zufolge fühlen sich 28 Prozent der Bevölkerung in ihrer Wohnung durch Lärm gestört. Primär durch Verkehrslärm. Und eine Studie des deutschen Umweltbundesamtes (UBA) an 4115 Patienten kam vor wenigen Tagen zum Ergebnis, dass das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen, bei Männern um etwa 30 Prozent steigt, wenn sie längere Zeit an lauten Straßen wohnen. Warum das Herzinfarktrisiko bei Frauen nicht anstieg, ist unklar.

Die Studie bestätigt eine davor durchgeführte Untersuchung des Berliner Robert-Koch-Instituts, wonach Menschen, die viele Jahre Verkehrslärm ausgesetzt sind, mit Bluthochdruck rechnen müssen. Die Forscher verglichen Menschen, die nachts einem Schallpegel von mehr als 55 Dezibel ausgesetzt sind, mit Leuten, die bei unter 50 Dezibel schlafen - der Unterschied von fünf Dezibel bedeutet eine Halbierung der durchschnittlichen Lautstärke. Die Resultate: Die bei Lärm Schlafenden haben ein doppelt so hohes Risiko, wegen Bluthochdrucks in ärztliche Behandlung zu kommen; lassen sie auch noch das Fenster offen, ein sechsfaches. Zudem erhöhe Lärm vermutlich das Risiko für Asthma, Migräne und sogar Schilddrüsenerkrankungen.

Dass der Körper auf Lärm reagiert, war im Laufe der Evolution als Schutz vor Feinden sinnvoll: Durch Geräusche hervorgerufene Stressreaktionen wie erhöhter Puls und Ausschüttung des Hormons Cortisol steigern die Wachsamkeit. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel jedoch schade vermutlich dem Herz-Kreislauf-System und dem Immunsystem. Deshalb begünstige Lärm möglicherweise sogar die Entstehung von Tumoren, schreiben die Forscher.

Gefahr auch im Schlaf

Wer durch Lärm nicht aufwacht, könne dennoch betroffen sein. Denn Cortisol werde bei lauten Geräuschen auch dann ausgeschüttet, wenn man weiterschläft. Auch Lärmstress am Arbeitsplatz erhöhe das Infarktrisiko. Um gesundheitsschädlich zu sein, müsse ein Geräusch nicht laut sein. Selbst Klänge etwa von Bürogeräten oder von telefonierenden Kollegen könnten Stressreaktionen auslösen.

Die Lärmskala in Dezibel-einheiten stuft solche Geräusche jedoch als leise und damit als unbedenklich ein. Lärmschutzverordnungen müssten dem Rechnung tragen, indem Grenzwerte nicht nur anhand der Lautstärke festgelegt werden, fordern die UBA-Forscher. Um den Lärm einzuschränken, hat die EU vor zwei Jahren die Umgebungslärm-Richtlinie beschlossen. Sie verpflichtet alle EU-Staaten, Landkarten von den wichtigsten Lärmquellen zu erstellen. Bis 2013 sollen Vorschläge ausgearbeitet werden, wie Lärm an Störquellen reduziert werden kann. (boja/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.4.2004)

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