Die Vorbilder in der eigenen Kabine

29. April 2004, 14:54
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Hinter dem Aufschwung des österreichischen Eishockeys steht in doppelter Hinsicht die heimische Liga

Österreichs Eishockeyteam sorgt in Prag für WM-Furore. Nach dem 2:2 gegen Weltmeister und Olympiasieger Kanada erscheint das Viertelfinale erreichbar. "Für Österreich Eishockey zu spielen", sagte Martin Ulrich gestern, "hat noch nie so viel Spaß gemacht." Der Spaß ist die Henne, der Erfolg das Ei - was zuerst da war, ganz egal. Österreich hat bei der WM nach dem 6:0 über Frankreich am Sonntag ein sensationelles 2:2 gegen Kanada erreicht, führt mit drei Punkten die Gruppe D an.

Ulrich saß in der Lobby des Teamhotels, es trägt den Namen "Corinthia", das klingt immerhin nach Kärnten, wo die österreichische Eishockey-Hochburg steht. Der Wiener Ulrich ist auch sonst eine große Ausnahme, er wird heuer 35 Jahre alt, ist im Team der Einzige über 30. Anno 1989 hat er, seit Jahren einer der Besten in der deutschen Liga, für Österreich debütiert, er ist klarerweise Rekord-Internationaler (183 Spiele). Seit 1993 halten sich die Österreicher mit einer Ausnahme (B-WM 1997) in der A-Gruppe, sie haben ein Viertelfinale erreicht (1994), ab und zu aufgezeigt, oft knapp die Klasse erhalten. Das 2:2 gegen den Titelverteidiger war die beste Leistung aller Zeiten - nach 50 von 60 Minuten sowie Toren von Andre Lakos und Thomas Vanek stand es gar 2:0.

Was Ulrichs Meinung nach den Aufschwung bedingt hat? "Viele von uns", sagt er, "spielen im Ausland auf hohem Niveau, die bringen einiges mit." Tatsächlich ist mit Reinhard Divis (28), Bernd Brückler (22), Thomas Pöck (22) und Thomas Vanek (20) ein Quartett seit Jahren in Nordamerika unterwegs. Dazu kommen Dieter Kalt (29), Oliver Setzinger (20), Matthias Trattnig (25), Gerhard Unterluggauer (27) und eben Ulrich, allesamt in Schweden, Finnland und Deutschland erprobt.

Emigrationsdruck

Paradox ist, dass just die heimische Liga seinerzeit etliche Talente gezwungen hat, im Ausland ihr Glück zu suchen. Diese Liga umfasste in den 90ern nur wenige (bis zu vier) Vereine, die viele (bis zu zwölf) Legionäre einsetzen durften. Junge Österreicher hatten keine Chance auf ein Leiberl, und so stellten so genannte Austrokanadier auch einen großen Teil des Nationalteams. Doch die Klubs konnten sich die Gagen nicht mehr leisten, in Feldkirch und Wien brach gar phasenweise der Betrieb zusammen, die "Austros" wurden älter und zu alt. Die Liga rüstete geldmäßig ab und talentmäßig auf, junge Österreicher mussten bei ihren Klubs rasch in die Rolle von Entscheidungsträgern wachsen, davon profitiert das Team nun erst recht.

Headcoach Herbert Pöck, dem der Schwede Lars Bergström und der Finne Jorma Siitarinen assistieren, hat den Cracks versichert, dass "jeder von ihnen das Zeug hat, im Ausland viel Geld zu verdienen". Die Vorbilder in der eigenen Kabine machen jungen Spielern diese Ausführung plausibel. Zig Scouts und Spielervermittler für skandinavische und NHL-Klubs verfolgen die WM-Partien. So zerreißt sich jeder Spieler schon im ureigenen Interesse. "Und so", sagt Ulrich, "zerreißt sich jeder für die Mannschaft." (Fritz Neumann aus Prag - DER STANDARD PRINTAUSGABE 27.4. 2004)

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    Roland Kaspitz netzt gegen Kanada ein

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