Statistiker Neuwirth im STANDARD-Interview über Schwarze, die weiß wählten

27. April 2004, 14:06
3 Postings

Beinahe jeder zwanzigste ÖVP-Wähler des Jahres 2002 hat am Sonntag ungültig gewählt

Standard: Am Sonntag sind 181.647 Wahlberechtigte zur Wahl gegangen, haben aber eine ungültige Stimme abgegeben. Was bedeutet das, wenn das so viele tun?

Neuwirth: Ich bin kein Politologe und bin auch nicht befugt, die Psychologie der Wähler zu erklären. Aber es ist auffällig, dass das mehr als dreimal so viel ist wie üblicherweise. Da liegt nahe, dass die Wähler etwas sehr deutlich zum Ausdruck bringen wollten – wenn man nachrechnet, dann sieht man, dass das insbesondere ÖVP-Wähler in größeren Bundesländern waren.

Standard: Nun könnte man einwenden, dass Zehntausende Wähler zwischen der letzten Nationalratswahl und dieser Wahl plötzlich verblödet sind und nicht mehr wissen, wie man ein Kreuzerl macht.

Neuwirth: Bei dem Wahlzettel? Dass man auf diesem Wahlzettel nicht mehr weiß, was man tun soll, das glaub' ich nicht – das Menü war klar zu lesen.‑ Es ist eher so, wie wenn sich jemand über die mangelnde Menüauswahl beschwert und gar nichts isst, wenn er schon ins Gasthaus gegangen ist.

Standard: Diese "Beschwerden" sind regional aber unterschiedlich stark ausgefallen.

Neuwirth: Es waren besonders VP-Wähler in Niederösterreich, Oberösterreich, der Steiermark und Vorarlberg. Ich bin wie gesagt kein Psychologe, aber da muss in diesen Ländern irgendwie die Psychologie mitgespielt haben. In der Steiermark haben etwa 6,1 Prozent der VP-Wähler von 2002 bei der Wahl am Sonntag eine ungültige Stimme abgegeben, in Oberösterreich 5,8 Prozent. Das ist eine Größenordnung, die es bisher nicht gegeben hat. Grob gesagt: Jeder 20. schwarze Wähler hat diesmal weiß gewählt.

Standard: Eine Alternative wäre natürlich, den Kandidaten der anderen Partei zu wählen.

Neuwirth: Das haben ja auch einige getan – etwa jeder zehnte VP-Anhänger. Der Prozentsatz der ungültig wählenden VP-Wähler ist weniger als halb so groß wie die der, der zu Heinz Fischer abgewandert ist. Man muss sehen, dass die Zahl der SP-Wähler von 2002, die nun Fischer gewählt haben, nämlich 1,545.000, etwa gleich groß ist wie die Zahl der VP-Wähler von 2002, die Ferrero-Waldner gewählt haben, das sind 1,581.000.

Standard: Hätten also nur die Stammwähler gewählt, wäre es knapp geworden oder sogar zugunsten der ÖVP-Kandidatin ausgegangen, weil die ÖVP 2002 mehr Wähler hatte als die SPÖ.

Neuwirth: So ist es. Aber die ÖVP-Kandidatin konnte eben nicht so viele Wähler aus anderen Gruppen ansprechen – im Wesentlichen waren es 192.000 Freiheitliche. In Kärnten haben etwa 70 Prozent der FPÖ-Wähler Ferrero- Waldner gewählt. Fischer dagegen konnte zwei Gruppen ansprechen: Es sind etwa viermal so viele schwarze Wähler zu Fischer gewandert wie rote zu Ferrero-Waldner. Zweitens bekam er – in diesem Maß auch überraschend – 278.000 Grün-Wähler. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.4.2004)

Beinahe jeder zwanzigste ÖVP-Wähler des Jahres 2002 hat bei der Bundespräsidentenwahl am Sonntag "weiß" – also ungültig – gewählt, rechnet der Statistiker Erich Neuwirth im Gespräch mit Conrad Seidl vor.
Share if you care.