Das Wiener Schiffernakelritual

29. April 2004, 15:34
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Michael Häupl und Walter Nettig geloben, für immer im selben Boot zu sitzen

Wien – Der Tower in London hat Raben. Der Felsen von Gibraltar Affen. Der Opernball Lugner und "Alles Walzer" – und auch wenn das alles keinen Sinn macht, ist es doch wichtig: Wäre es nicht da, würde etwas fehlen – und die Sage sagt, dass dann großes Unheil droht. Oder zumindest nicht alles so bleibt, wie es ist. Was ja wohl dasselbe ist.

Darum werden Michael Häupl und Walter Nettig weiter gemeinsam Boot fahren. Einmal im Jahr. Zu Frühlingsbeginn. Denn, so erklärte Wiens Bürgermeister Montagvormittag an der Alten Donau im Brustton der Überzeugung: "Ohne den Nettig wäre das undenkbar."

Symbolisch in ein Boot gesetzt

Und wen kratzt da schon, dass "der Nettig" nächstes Jahr nicht mehr als Präsident der Wiener Wirtschaftskammer, sondern nur noch als Gast‑ und Protagonist eines lieb‑ gewonnenen Rituals mit Wiens Bürgmeister und (dann) seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin ein Boot besteigen wird? Eben: niemanden – es geht um den Akt an sich.

Zehn Jahre lang hatten die beiden sich zur Eröffnung der Schiffernakelsaison am Donaualtarm symbolisch – und ungeachtet aller politischen Groß- oder Momentwetterlagen – in ein Boot gesetzt: Segelboote, Gondeln, Ausflugsboote, Elektroboote – Hauptsache, es schwamm. Ruder- und Tretboote, Luftmatratzen und Surfbretter ließen die beiden jedoch außen vor: Baden gehen wollte keiner. (Nächstes Jahr, erklärte Nettig, sei er aber bereit, "im Schwimmkostüm" zu erscheinen. Häupl legte ob dieses Offerts die Stirn in Falten: "Lass dich nicht auf so was ein!")

Einmal, räumte der Bürgermeister ein, habe aber er selbst beinahe das "Schwimmkostüm" gebraucht: Just, als er auf sein Lieblingsboot ("natürlich ein rotes Elektroboot") aufenterte, schwankte dieses durchaus heftig. Ob Nettig Häupl im Falle des Falles nachgesprungen wäre? "Ja. Sofort." (Thomas Rottenberg, Der Standard, Printausgabe, 27.04.2004)

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    Michael Häupl und Walter Nettig weiter gemeinsam Boot fahren

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