Internationale Pressestimmen: "Sieg der Berechenbarkeit"

28. April 2004, 17:54
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Ausländische Zeitungen sehen mehrheitlich Absage an Regierungspolitik - FP-"Anbiederung" erzeugte Lagerwahlkampf

Mit dem Ausgang der österreichischen Bundespräsidentenwahl befassen sich am Montag zahlreiche ausländische Zeitungen, die mehrheitlich im Wahlsieg von Heinz Fischer auch eine Absage an die Regierungspolitik der schwarz-blauen Koalition sehen:

Deutschland

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Sind die Österreicher nun besonders konservativ oder besonders aufgeklärt? Haben sie Benita Ferrero-Waldner bei der Bundespräsidentenwahl knapp durchfallen lassen, weil sie eine Frau ist? Oder weil die Wahl nach dem Geschlecht allein nicht ausreicht, wenn das höchste Amt im Staat zu besetzen ist? Denn dies war Ferrero-Waldners eigentliches Problem: Für die Außenministerin sprach kein plausibler Grund, außer dass ein Sieg der ÖVP-Kandidatin dem Parteifreund und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel auch noch Zugriff auf die letzte hohe Position im Staat verschafft hätte.

Heinz Fischer war der Favorit, weil er immerhin eine Art abgehobener Staatskommissar sein wollte. Die letzten beiden christsozialen Präsidenten, Waldheim und Klestil, hatten mit Affären und linkischem Handeln dem Amt den Nimbus höherer moralischer Autorität genommen. Fischer hatte also eine Marktlücke entdeckt. (...) Den Ausschlag hat am Ende wohl das Bedürfnis nach Machtbalance gegeben. Liberalere Geister aller Parteien - sogar in Haiders FPÖ - wollten ein Zeichen gegen die personelle Okkupation von Staat und Gesellschaft durch die Kanzlerpartei setzen. Also sollte ein anders gefärbtes Staatsoberhaupt her - auch wenn Fischer selbst gerne ein völlig "überparteilicher" Präsidenten wäre."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Fischer krönt das Ende seiner langen politischen Laufbahn mit dem Einzug in die Wiener Hofburg. Mit ihrem klaren Votum hat die Mehrheit der Österreicher alles andere als die zweite Wahl getroffen. (...) Im höchsten Staatsamt dürfte er fortan ohne Not von vielen der gefühlig-linken Elemente seines Persönlichkeitswahlkampfs Abschied nehmen können. Denn Fischer wird kaum umhin können, das Gerede von 'unsozialer Politik' zu dämpfen, die seine Partei und er der Regierung vorwerfen, weil es der jungen Generation und den Interessen der Nachwachsenden abträglich ist. Will sich Fischer seines staatsmännischen Rufes würdig erweisen, den ihm die Hofburg mehr als die Funktion des 'Parteisoldaten' und Abgeordneten abverlangt, so wird er den Österreichern auch nicht nur auf verbrämte Weise, sondern in aller Deutlichkeit klarmachen müssen, dass der (Wohlfahrts-)Staat im scharfen internationalen Wettbewerb verloren geht, wenn nicht die Wohlfahrtsausgaben zu Gunsten von Investitionen verringert werden, die Arbeitsplätze schaffen und Investitionen sichern. Noch schwerer als mit dem Verzicht auf Sozialrhetorik dürfte sich der Bundespräsident Fischer mit der Verabschiedung von der 'immerwährenden Neutralität' des Staates tun."

"Der Tagesspiegel":

"Mit der Wahl von Heinz Fischer zum Bundespräsidenten haben die Österreicher bewiesen: Sie sind im Grunde ihres Herzens konservative Traditionalisten. Fischer kandidierte zwar für die Sozialdemokraten, gehört streng genommen sogar zum linken Flügel. Doch es waren die konservativen Attribute, die ihm den Sieg gebracht haben. (...) Die regierende Volkspartei warb damit, ihre Außenministerin solle zur ersten Frau an der Staatsspitze werden. Ihre politische Unerfahrenheit und ihr Hang, in manches Fettnäpfchen zu treten, wurde als dynamische Frische verkauft. Doch die Wähler entschieden sich für den langweiligeren und berechenbareren Kandidaten. Selbst in den traditionellen ÖVP-Landgemeinden konnte Fischer punkten. Auf dem flachen Land ist der Präsident immer noch männlich - selbst wenn er von den Sozialdemokraten kommt. So will es die Tradition."

"General-Anzeiger" (Bonn):

"Nach mehreren Landtagswahlen mit herben Einbußen muss ÖVP-Chef Schüssel und sein bis zur Unkenntlichkeit gestutzter Koalitionspartner FPÖ ein weiteres Warnsignal registrieren. Obwohl das in Österreich bei Einigkeit gewöhnlich dominierende rechte Lager seine Kandidatin unterstützte, hat es nicht gereicht. Viele Sympathisanten der Regierungsparteien sind von der Reformpolitik verprellt. Die Wahlbeteiligung von knapp 70 Prozent ist für österreichische Verhältnisse jedenfalls nicht berühmt. In Wien werden jetzt Diskussionen über Gleichberechtigung in der Politik und erst recht über die Aussagekraft des Wahlergebnisses für das Ansehen des Kabinetts Schüssel aufwallen."

"tageszeitung" (taz):

"Fischer will nach einem Jahr die Akzeptanz von 70 Prozent der Bevölkerung gewinnen. Die Aussichten stehen nicht schlecht. (...) Aufatmen wird vor allem auch Parteichef Gusenbauer, an dessen Führungsqualitäten in den letzten Wochen Zweifel geäußert wurden. Der Pakt der Kärntner SPÖ mit dem wiedergewählten Landeshauptmann Jörg Haider wurde von ihm widersprüchlich kommentiert. Zuerst erklärte er ihn als lokales Phänomen, dann kritisierte er, dass er zu schnell geschlossen worden sei und schließlich ging er auf Distanz zu seinem Kärntner Parteiobmann Peter Ambrozy. Für den Wahlkampf von Heinz Fischer wirkte das wenig aufbauend. Hätte Fischer verloren, dann wäre eine Obmanndebatte ausgebrochen."

"Südwest Presse" (Ulm):

"Die Österreicher haben der Reformpolitik der Bundesregierung des Konservativen Wolfgang Schüssel abermals eine Absage erteilt. Es ist der Veränderung müde geworden und vertraut die Spitze des Staates eher einem ehrwürdigen Funktionär der alten SPÖ an. Als früherer Nationalratspräsident konnte Heinz Fischer auch noch behaupten, über den Parteien zu stehen. Das Ergebnis lag natürlich auch an der niedrigen Wahlbeteiligung in den konservativen Bundesländern. Dass es aber Schüssels Außenministerin Benita Ferrero-Waldner nicht einmal geschafft hat, sich als Frau durchzusetzen, hängt mit ihrem Wahlkampf zusammen. Sie hat sich zu den umstrittenen Renten- und Gesundheitsreformen bekannt und wollte die Neutralität Österreichs zu Gunsten der militärischen Zusammenarbeit mit der EU auflockern. Fischer hat die Stimmung der Österreicher besser erkannt."

Spanien

"La Vanguardia" (Barcelona):

"Der Wahlkampf von Ferrero-Waldner war nicht einfach, unter anderem deshalb, weil sie nicht die Unterstützung von einigen ihrer führenden Parteikollegen hatte, die damit geliebäugelt hatten, selbst zu kandidieren. Auffallend ist, dass die Kandidatin der Volkspartei in Bundesländern verloren hat, die eine traditionelle VP-Mehrheit haben, wie etwa Oberösterreich oder die Steiermark. (...) Die "Kohabitation" eines sozialdemokratischen Präsidenten mit der Mitte-Rechts-Regierung von Wolfgang Schüssel muss nicht unbedingt schwieriger sein wie die derzeitige Kooperation mit (Bundespräsident Thomas) Klestil, der ohne Erfolg eine Koalition der Volkspartei mit den Freiheitlichen zu verhindern gesucht hatte. Der Sieg Ferrero-Waldners könnte der Volkspartei sogar zum Vorteil gereichen, wenn sie am Ende der Legislaturperiode wird argumentieren können, dass eine Machtkonzentration vermieden werden müsse."

"El Mundo" (Madrid):

"Die Wähler haben das ungeschriebene, aber seit dem Zweiten Weltkrieg in fast religiöser Form angewandte Gesetz bestätigt, dass der Staatspräsident von der stärksten Oppositionspartei gestellt werden muss, um die Macht der Regierungspartei auszugleichen. (...) Seit 40 Jahren Parlamentsabgeordneter, genießt der zweifache Familienvater Heinz Fischer großes Ansehen in der Bevölkerung wegen seiner ausgleichenden und objektiven Amtsführung als Parlamentspräsident des Alpenstaates zwischen 1990 und 2002."

Schweiz

"Neue Zürcher Zeitung" (NZZ):

"Der Sozialdemokrat Heinz Fischer hat für seine Partei das höchste Staatsamt der Republik Österreich zurückerobert - und damit in den Augen vieler Österreicher jenes traditionelle Gleichgewicht wiederhergestellt, das durch die Dominanz von Schüssels ÖVP auf beiden Seiten des Wiener Ballhausplatzes, aber auch in den Bundesländern abhanden gekommen war. (...) Doch es wäre wohl eher unangemessen, wenn der Parteichef Alfred Gusenbauer sich vom Wahlerfolg Fischers eine Scheibe abschneiden wollte - dieser Urnengang war in erster Linie eine Persönlichkeitswahl und der Sieg damit das persönliche Verdienst Fischers. Dieser überzeugte letztlich durch seine souveräne Art, die ihn als geradezu prädestiniert erscheinen ließ für dieses Amt, das zwar im Alltagsgeschäft vorwiegend zeremonieller Art, aber bei Regierungsbildungen und vor allem in Krisenfällen durchaus mit einer beträchtlichen Machtfülle ausgestattet ist. (...) Was manche Wähler als Ferrero-Waldners Anbiederung an Jörg Haider empfanden, hernach die offenen Wahlempfehlungen der FPÖ-Spitze und im Gegensatz dazu die klare Linie, die Fischer gegenüber den Freiheitlichen zog, dürften bei nicht wenigen Wählern am Ende den Ausschlag gegeben haben. In der Endphase ist so aus dem Persönlichkeits- doch auch noch ein Lagerwahlkampf geworden, in dem sich die Koalitionspartner ÖVP/FPÖ auf Seiten von Ferrero-Waldner und die Oppositionsparteien Sozialdemokraten und Grüne gegenüberstanden."

Großbritannien

"The Guardian" (London):

"Was ein langweiliges Rennen um ein symbolisches Amt werden sollte, wurde zu einem Popularitätsbarometer für Haiders Freiheitliche Partei, nachdem er sein (politisches) Gewicht für Benita Ferrero-Waldner eingesetzt hatte. (Ferrero-Waldners) Niederlage war auch ein harter Schlag für die Regierung. (...) Die Regierung kämpft zur Halbzeit ihrer Legislaturperiode nach einer Reihe unpopulärer Reformen mit ihrer Glaubwürdigkeit. (...) Ihr Versagen, Herrn Fischer bei der Wahl zu schlagen, ist ein herber Rückschlag für Haider, der für sein eigenes politisches Leben gekämpft hat."

"Financial Times" (London):

"Wegen des relativ knappen Ergebnisses erwarten Experten keine Auswirkungen für Wolfgang Schüssels Regierung. (...) Fischer konnte in der Kampagne wichtige Punkte sammeln, indem er dafür plädierte die seit fünf Jahrzehnten bestehende Neutralitätspolitik Österreichs fortzusetzen."

Italien

"La Repubblica" (Rom):

"Die Opposition siegt, die regierende Mitte-Rechts-Koalition muss eine deutliche Niederlage hinnehmen (...) Das Wahlergebnis ist ein Debakel für die Regierungskoalition, an der sich auch die populistische Rechte Jörg Haiders beteiligt, und eine persönliche Niederlage für Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der Frau Ferrero-Waldner als Kandidatin aufgezwungen hatte."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Für die ÖVP ist Heinz Fischers Sieg eine neue Niederlage nach dem Debakel vor zwei Monaten bei den Regionalwahlen in Kärnten, wo Jörg Haider auf triumphale Weise in seinem Amt als Landeshauptmann bestätigt wurde, und der Wahlniederlage in Salzburg, dem Heimatort Ferrero-Waldners. Wenige glauben jedoch, dass die Kohabitation Fischers mit Schüssel die österreichische Politik beeinflussen wird. Der Präsident hat in Österreich hauptsächlich eine repräsentative Funktion."

"Il Giornale" (Mailand):

"Haiders Unterstützung für Benita Ferrero-Waldner und die kritische Position ihres Rivalen gegen die österreichische Rechte haben einen Wahlkampf belebt, der andernfalls ziemlich langweilig gewesen wäre. Obwohl der Staatspräsident eine hauptsächlich formelle Rolle hat, sind die Präsidentschaftswahlen ein Test für die Regierung nach der Rentenreform und anderen unpopulären Initiativen der Regierung."

"Dolomiten" (Bozen):

"Der neue österreichische Bundespräsident heißt Heinz Fischer, und Benita Ferrero-Waldner hat es knapper als erwartet nicht geschafft. Das relativ unspektakuläre Ergebnis der gestrigen Wahl, das keine weiteren innenpolitischen Folgen zeitigen wird, ist Abschluss eines aufgeregten Wahlkampfes, der nicht darüber hinwegtäuschen kann: Das Amt selbst ist hoffnungslos überschätzt. Die Kompetenzen des Staatsoberhauptes beschränken sich de facto auf die Erteilung des Auftrages zur Regierungsbildung und die Angelobung der Regierung. Ansonsten hat der Präsident vor allem protokollarische Pflichten. Inhaltliche Beeinflussung der Politik steht ihm nicht zu. Die von beiden Kandidaten abgegebenen inhaltlichen Ansagen sind irrelevant. Die Wähler sehen es, anders als die Wahl- und Parteienpropaganda, auch so: Nur rund 70 Prozent gingen am Sonntag zur Wahl, immerhin der einzigen Persönlichkeitswahl in Österreich. Damit hat sich auch die Aufgeregtheit der letzten Wochen relativiert."

Serbien-Montenegro

"Politika": Sieg der bürgerlichen Linken

Unter den Titeln "Sieg Fischers", "Fischer an Stelle von Klestil" und "Heinz Fischer - neuer Staatschef Österreichs" berichten Belgrader Printmedien am heutigen Montag über die österreichische Präsidentenwahl. Die auflagenstärkste und traditionell regierungsnahe Tageszeitung "Politika" unterstreicht, dass mit Heinz Fischer der "führendste Vertreter der bürgerlichen Linken" Österreichs gewonnen habe.

Die Tageszeitung "Danas" hebt hervor, dass Fischer seinen Wahlsieg in Burgenland, der Steiermark, Wien, Ober- und Niederösterreich verbuchte, während im Westen Österreichs Ferrero-Waldner die Nase vorne hatte. Auch wird unterstrichen, dass Österreich nun nach 18 Jahren wieder einen sozialdemokratischen Staatschef hat. Die führenden serbischen Boulevardblätter "Glas javnosti", "Blic" und "Vecernje novosti" berichteten über die Wahl auf Grund von Agenturmeldungen.

"Der führendste Vertreter der bürgerlichen Linken Österreichs und einer der hervorragendsten aktiven Politiker des Alpenstaates, Professor Heinz Fischer, wurde zum Sieger der Präsidentenwahl. Österreich wird somit einen neuen Präsidenten bekommen, der Auffassung nach einen Linken der traditionellen austromarxistischen (sozialdemokratischen) Schule, einen kompromisslosen und sozial ausgerichteten Politiker", hebt das Blatt hervor."

"Seine Ehrlichkeit und Aufgeschlossenheit haben die Wähler angezogen, die sich zwischen dem Zentrum und der Linken zu entscheiden hatten", meint das Blatt, das gleichzeitig unterstreicht, dass auch die Herausforderin Benita Ferrero-Waldner nicht "arbeitslos" bleiben werde, da sie bereits an diesem Montag zu ihren Aufgaben als Außenministerin zurückkehren werde.

Tschechien

"Mlada fronta Dnes" (rechtsliberal)

"Über den Wahlsieg Fischers haben seine Erfahrungen, das Festhalten an der Neutralität, das Gegengewicht gegenüber dem Regierungslager und auch ein entsprechender Abstand zum ehemaligen Chef der nationalistischen Freiheitlichen entschieden. Der langjährige Parlamentsvorsitzende verkörpert das 'alte Österreich', dessen Politik er mitgestaltete. Als Patriot und Hüter der sozialdemokratischen Werte, wie vor allem der Neutralität, genießt er Glaubwürdigkeit, und auch seine politischen Gegner schätzen seine Erfahrungen und Kenntnisse (...) Für die oppositionelle SPÖ ist der Sieg ihres Kandidaten noch wichtiger. Er (der Sieg Fischers) ist eine Hoffnung auf einen Machtwechsel, obwohl der Sieg vor allem der Verdienst Fischers ist, nicht der Partei."

"Lidove noviny" (rechtskonservativ)

"Eine Rolle hat angeblich auch die Tatsache gespielt, dass sich Fischer von der populistischen Politik der nationalistischen Partei der Freiheitlichen distanzierte. Die Regierungskandidatin hat demgegenüber ihre Unterstützung angenommen. (...) Die (Außen)ministerin baute ihren Wahlkampf auf persönlichen Charme und den reichen Auslandskontakten auf, die nicht nur das Bild Österreichs im Ausland verbessern, sondern auch der österreichischen Wirtschaft helfen könnten. Fischer mit deutlich linken Auffassungen hob im Gegenteil seine langjährigen politischen Erfahrungen, die Vernunft und Bedächtigkeit hervor. Der Sieg der "grauen Maus" Fischer ist eine große Enttäuschung für ÖVP und FPÖ. ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel bemerkte schon am Freitag in Anspielung auf Fischers Zug-Wahlkampfreisen, dass sich die Wähler entscheiden müssen, ob sie mit einem Schlafwagen reisen wollen oder den dynamischen Schnellzug Ferrero-Waldners bevorzugen. Die Österreicher wählten zur Schüssels Überraschung den Schlafwagen".

Die linksliberale Tageszeitung "Pravo":

"Fischer ist der erfahrenste sozialdemokratische Politiker, und in den Wahlkampf ging er mit der Parole, die Ehrlichkeit in die Politik zurückzubringen. (...) Elf Jahre war er Chef des Nationalrates, und in diesem Amt erwarb er Beliebtheit bei den Leuten, obwohl er kein charismatischer Politiker ist. Man schätzte seine Fähigkeit ein, zwischen unterschiedlichen Auffassungen zu vermitteln und einen Kompromiss zu finden. Er (Fischer) wird als treuer Soldat der Partei bezeichnet, was die Österreicher offenbar nicht störte, weil sie mit seiner Wahl die Tatsache aufwiegen wollten, dass die konservative Regierung von Bundeskanzler Wolfgang Schüssels an der Macht ist".

Ungarn

"Nepszabadsag":

"Mit Fischer bleibt Österreich neutral. Das Ergebnis belegt, dass die Mehrheit der Wähler die Ausgeglichenheit, Korrektheit von Fischer für wichtiger hält als die zweifellos farbigere Persönlichkeit von Ferrero-Waldner. (...) Den Anzeichen nach ist die durch Ferrero-Waldner und die Österreichische Volkspartei angestrebte NATO-Mitgliedschaft nicht populär, dem Geschmack der Wähler entspricht vielmehr der Standpunkt Fischers, das heißt das Festhalten an der Neutralität."

"Magyar Hirlap":

"Die rechtsextremistische Partei von Jörg Haider unterstützte Ferrero-Waldner, was viele Menschen abgeschreckt haben könnte. (...) Fischer will der Bundespräsident aller Österreicher sein. Er hält fest an seiner Vorstellung über den fürsorglichen Sozialstaat und verzichtet keinesfalls auf sein Hauptziel, nämlich die Wahrung der Unabhängigkeit des Landes."

"Magyar Nemzet":

"Die direkte Wahl des Bundespräsidenten wurde zu einem Messen der Regierungskräfte und der Opposition, da unter den zwei kleinen Parlamentsparteien die Politiker der Österreichische Freiheitspartei - unter ihnen auch Ex-Parteichef Jörg Haider - Ferrero-Waldner unterstützten, während sich die Grünen für die Unterstützung von Fischer entschlossen."

Slowakei

Die slowakischen Tageszeitungen berichten am Montag ausführlich in Form von erweiterten Agenturmeldungen und Fotos beider Kandidaten über die österreichische Präsidentenwahl. Das Wirtschaftsblatt "Hospodarske noviny" rekapituliert die politischen Laufbahn von Heinz Fischer. In allen Berichten wird die niedrige Wahlbeteiligung hervorgehoben.

"SME" (rechtsliberal):

"Die Sozialdemokraten haben den Fischers Sieg als eine Lektion für regierende Volkspartei und die Freiheitlichen. Fischer hat in vergangen Wochen scharf die sozialen Maßnahmen der Regierung kritisiert".

"Pravda" (linksliberal):

"Die Unterstützung des Rechtspopulisten Jörg Haider für Ferrero-Waldner dürfte Fischer geholfen haben, weil dadurch die Wähler der Grünen für den sozialdemokratischen Kandidaten mobilisiert wurden. (...) Trotz des zeremoniellen Charakters des Bundespräsidentenamtes hat die Wahl nach Ansicht von Beobachtern zur Hälfte der Legislaturperiode auch die Unzufriedenheit der Wähler mit der Mitte-Rechts-Regierung gezeigt, vor allem wegen der geplanten Pensionskürzungen.

Südamerika

Für viele südamerikanische Medien ist der Wahlsieg von Heinz Fischer (S) bei der gestern, Sonntag, geschlagenen Bundespräsidentenwahl in erster Linie Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Politik der schwarz-blauen Bundesregierung. Neben innenpolitischen Motiven wird jedoch auch in ganz Europa eine allgemeine Tendenz hin zu den Sozialdemokraten attestiert.

Während die meisten Medien im Wahlergebnis ausschließlich eine Denkzettelwahl für das Kabinett von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) ausmachen - "Die österreichische Wählerschaft hat die konservative Regierung sanktioniert" ("Pagina 12", Argentinien) - bringt die bedeutende Tageszeitung "La Nacion" aus Buenos Aires einen weiteren Aspekt ins Spiel: So scheine der "sozialdemokratische Sieg" eine "europäische Tendenz" infolge der nachhaltigen und weiter zunehmenden Ablehnung des Irak-Krieges und seiner Folgen zu bestätigen. Dieser Trend habe im vergangenen Monat mit dem Sieg des sozialistischen Kandidaten Jose Luis Rodriguez Zapatero bei den spanischen Parlamentswahlen seinen Ausgang genommen und sich nun in Österreich fortgesetzt. Insofern sei "in dem wenig glanzvollen Wahlkampf" nicht zuletzt Fischers strikte Haltung pro Neutralität und gegen einen Beitritt zum Militärbündnis NATO eine entscheidende Säule des Erfolgs" gewesen.

Für die in der westargentinischen Provinz Mendoza erscheinende Tageszeitung "Los Andes" hat die Wahl nicht zuletzt das Balancebedürfnis der Österreicher unterstrichen, wenn auch mit historisch nicht ganz korrekten Informationen argumentiert wird: "Der Wahlgang hat außerdem das ungeschriebene Gesetz, das in beinahe religiöser Form seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs praktiziert wird, bestätigt. Diesem zufolge wird das Staatsoberhaupt immer von der führenden Oppositionspartei (sic!) gestellt, um die Vorherrschaft der Regierungsparteien zu kompensieren."

Für die brasilianische Tageszeitung "Estadao" drückt die Wahl Fischers in erster Linie die "Unzufriedenheit der Österreicher mit der aktuellen Regierung aus". Die offen bekundete Unterstützung Ferrero-Waldners durch den Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider (F) habe "Fischer möglicherweise mehr genützt" als der ÖVP-Kandidatin.

Für die venezolanische Tageszeitung "El Mundo" war der Vorzug der Österreicher für Fischer ein "Maßstab für die Popularität der Regierung zur Halbzeit der Legislaturperiode". Diese sei "nach der Pensionsreform und anderen unpopulären Maßnahmen nicht allzu hoch".

Wenig überraschend kam der Sieg Fischers auch für das chilenische Blatt "El Sur": So hätten sich "die vor der Wahl gestellten Prognosen letztlich erfüllt". Dem langjährigen Präsidenten des österreichischen Nationalrates wird neben einer "soliden Reputation als integere, moderate und versöhnliche Persönlichkeit" auch "hohe politische Kenntnis" attestiert.

Fischers enge politische Beziehung zum Andenland Chile haben freilich weder "El Sur" noch "La Nacion" (Chile) hervorgehoben. Das designierte österreichische Staatsoberhaupt hatte sich als junger Abgeordneter nach dem Sturz des gewählten Präsidenten Salvador Allende in Chile (11.9.1973) durch General Augusto Pinochet als junger Abgeordneter an mehreren Initiativen für die von der Diktatur Verfolgten eingesetzt und war unter anderem einer der Festredner im vergangenen Herbst bei der Gedenkveranstaltung zum 11. September im Wiener Parlament. (APA)

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