"Bundespräsidenten Reloaded": "Tun wir alle das Unsere ..."

28. April 2004, 09:45
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Wenn Bundespräsidenten Ansprachen halten (müssen): Ein Schnelldurchlauf durch das jüngste "Habsburg Recycling"-Programm als Kommentar der anderen

Auftakt: Bundeshymne. Auf- tritt der Präsidenten bzw. Präsidenten-Darsteller . . .

A: Namens der Republik Österreich und namens des ganzen österreichischen Volkes, begrüße ich Sie alle, die Sie am harten europäischen Wettkampf im Schwimmen, Springen und Wasserball teilnehmen.

B: Meine herzlichen Grüße gehen aber auch an euch, ihr vielen Pfadfinderkinder. Ich wünsche euch ein frohes Fest und viele schöne gemeinsame Stunden.

C: Zu den vielen Aufgaben, die das Theater zu erfüllen hat, zählt auch die Vermittlung von Freude und Frohsinn. In diesem Sinne erkläre ich die Ischler Operettenwochen für eröffnet.

Musik.

A: Die Hausmusik hat sehr viel dazu beigetragen, das ganze österreichische Volk und nicht zuletzt die Wiener auf der Höhe zu erhalten.

B: Wer Blasmusik betreibt, findet darin Freude und hat auch geistige Interessen und muss nicht auf Abwegen Trost und Zuflucht suchen.

C: Denn eine Jugend, die sich der Musik widmet, vermeidet das Gefühl der Langeweile, das so viel Unglück über viele unserer jungen Menschen gebracht hat.

Lichtwechsel.

A: Die Weihnachtsbotschaft stellt enorme Anforderungen an unser Gewissen und unsere Solidarität. Wir werden sie nur dann erfolgreich bewältigen können, wenn wir bereit sind, sie gemeinsam zu tragen. In gemeinsamer europäischer Anstrengung. In diesem Sinne grüße ich alle Leser des Burgenländischen Agrarkuriers und wünsche Ihnen besinnliche Feiertage.

B: Die österreichische Gesellschaft für Vakuumtechnik hat mich eingeladen, den 7. Internationalen Vakuumkongress und die 3. Internationale Konferenz für Festkörperoberfläche zu eröffnen. Ich gestehe, ich habe seit meiner Schulzeit mich nicht wirklich mit Chemie und Physik befasst. Aber Konferenzen und Kongresse dieser Größe und dieser weltumspannenden Bedeutung wie jener beiden tragen etwas Beglückendes in sich. Und ich bin nicht einmal traurig, dass ich von Ihrem Konferenzgegenstand ganz ganz wenig, oder gar nichts verstehe.

C: Die Schönheit des Gebirges ist zu allen Zeiten von den Menschen bewundert worden. Die in den Himmel ragenden Gipfel, die von dunklen Wäldern, hellgrünen Matten und bläulich weiß schimmerndem Eis bedeckten Berge erwecken immer das Staunen der Leute im Tal und der Reisenden, aus der Ebene kommend, die Alpen erblickend.

A: Es ist mir eine besondere Freude, hier in der herrlichen Bergwelt Kärntens eine Kraftwerksanlage ihrer Bestimmung zu übergeben.

Ringen um Fassung.

B: Herr Generaldirektor! Meine Damen und Herren! Es ist zwar schon einige Zeit her, aber auch ich war einmal Briefmarkensammler. Die erste Marke, die in meiner Er- innerung einer damals noch lebenden Persönlichkeit gewidmet war, galt Bundesprä- sident Jonas. Ich habe mir beim Auftauchen der ersten Marken überlegt, was sich der bescheidene Franz Jonas wohl angesichts seines hunderttausendfach verbreiteten Markenbildes denken würde. Nie hätte ich daran gedacht, dass auch ich einmal in die Lage käme, mir solche Ge- danken zu machen. Heute weiß ich: Diese Briefmarke (präsentiert eine Marke) ist ein Zeichen der Kontinuität, die - bei aller Unterschiedlichkeit der Personen - von Körner, Renner und Schärf über Franz Jonas, Rudolf Kirchschläger und Kurt Waldheim . . . C: Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit auf mein Wort von der Pflichterfüllung zu sprechen kommen, das zu so vielen Missverständnissen geführt hat. Die böse und kaum zu fassende Nachricht, die in den letzten Tagen aus den Vereinigten Staaten zu uns gekommen ist, hat mich persönlich sehr verletzt.

B: . . . bis in die Gegenwart heraufreicht. Jeder Bundespräsident hat seiner Zeit - um es in der Sprache der Post zu sagen - seinen Stempel aufgedrückt. Natürlich verbinden sich für mich mit dieser Briefmarke manche ernste und heitere Assoziationen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen konkreten Wert zugemessen bekommen: sieben Schilling.

Zithermusik.

A: Nach den beeindruckenden Ausführungen der Fachleute und den Worten von persönlich Betroffenen widerstehe ich leichten Herzens dem Versuch, Sie noch einmal in die Welt der der Wissenschaft zu entführen. Ausländische Erfahrungen lassen erwarten, dass dieses "Jahr des Gehirns" auch in Österreich ein enormer Schritt vorwärts sein kann - wenn sich nur möglichst viele unserer Landsleute davon angesprochen und persönlich berührt fühlen.

Wir alle neigen ja dazu, gerade diese Themen mit einem starken Tabu zu belegen - und so zu tun, als gäbe es gerade für uns diese Probleme nicht. Vielleicht gelingt es uns, das nun beginnende "Jahr des Gehirns" bei möglichst vielen Österreicherinnen und Österreichern mit dieser kleinen, aber entscheidenden Gehirn-arbeit zu verbinden: Voraussetzung dafür ist, dass wir alle noch mehr als bisher über die Geheimnisse unseres Menschseins wissen wollen. Viel Erfolg bei Ihrer großen Anstrengung!

B: Tun wir alle das Unsere, in Familie und Beruf, in Politik, Wirtschaft, Kirche und Kunst, am Arbeitsplatz und in der Freizeit, jung, alt, und tun wir es in der Gesinnung, zu der uns der heilige Don Bosco aufgerufen hat, als er seine Lebensregel verkündete: "Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen!" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 4. 2004)

"Bundespräsidenten Reloaded" nennt sich eine Szenenfolge der Wiener Theatergruppe, in der Harald Posch, Thomas Gratzer und Hubsi Kramar Ausschnitte aus Texten und Reden von Thomas Klestil, Kurt Waldheim, Rudolf Kirch- schläger, Franz Jonas, Adolf Schärf und Karl Renner im Wortlaut zitieren.
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