Liebe und Leid in höchsten Tönen

30. April 2004, 13:22
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"Die schöne Müllerin" im Musikverein

Wien - Der Mensch singt, seit Ewigkeiten schon. Er tut dies vor allem dann, wenn es ihm besonders gut oder besonders schlecht geht, wenn also die wilde Maid Emotion kurzzeitig aus dem lauschigen Revier der Gemütsruhe ausgebüxt ist. Vieles wird leichter dann, beim Singen, oder schöner, erträglicher, intensiver auch.

Bald war klar, dass da Menschenkinder sind, denen es gegeben ist, leicht und hell zu singen wie ein Waldvögelein, und welche, die zwar gerne würden, es aber auch beim allerbesten Willen nicht können. Michael Schade gehört definitiv zu den Ersteren: Sein Tenor scheint kaum Grenzen zu kennen, schwebt leicht und frei; selbst zarteste Pianissimotöne in hoher Lage haben noch Kern, Kontur und Strahlkraft. Zudem kann Schade einen Sturm lossingen, dass Wände und Herzen wackeln.

Bei Schuberts Schöner Müllerin wehte bei aller stürmerisch-drängenden Zuversicht, aller jungenhaften Quirligkeit, die der Kanadier an den Liederabend legte, doch auch ein laues Lüftchen leiser Nervosität mit, Nervosität, die sich im Verlauf des Konzerts vor allem in einer leichten Kurzatmigkeit hörbar machen sollte. Nichtsdestotrotz wanderte, liebte und litt der Müllersbursche in den schönsten, reichsten Tönen; auch machte Schade die Tragik des in Liebesdingen Zurückgewiesenen mit bestürzender Schonungslosigkeit deutlich. Wolfram Rieger assistierte am Klavier mit Dezenz, Präzision und Spielfreude.

"Does anybody know how to kill love?", fragte übrigens, kaum eine Stunde nach Schades Durchsingung des Schubertschen Schmerzensszenarios, Nikolaus Horak, der nicht uncharismatische Lead-Sänger der Wiener Band Supermarket, das Publikum des Lokals Luftbad. Wusste natürlich niemand. Dringlichkeit, Kraft, Sexyness und Herzschmerz fluteten das kleine Kammerl im sechsten Bezirk wie auch die Gewissheit, dass auch 180 Jahre nach Schubert das Schönste die Liebe sein würde. Lasset uns singen. (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 4. 2004)

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