Steinböck und Rudle finden die Saliera

25. April 2004, 19:31
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"Der Urknall" in den Wiener Kammerspielen

Wien - Seit geraumer Zeit trachten Gerold Rudle und Herbert Steinböck wieder als das wahrgenommen zu werden, was sie eigentlich sind: Schauspieler. Mit Ken Campbells Frank 'n' Stein musste das Duo im letzten Jahr noch durch die Kabarettlandschaft tingeln, nun aber durfte das Duo sein komödiantisches Können in den Kammerspielen unter Beweis stellen.

Von der Dramaturgie her ist die amüsante Musicalpersiflage von Boyd Graham und Jed Feuer nicht gerade Der Urknall: Steinböck und Rudle spielen die Geschichte der Welt von deren Entstehung bis in die Gegenwart nach. Und auch die Rahmenhandlung ist ziemlich absehbar: Um ihr in Auszügen dargebrachtes Musical wirkungsvoll illustrieren zu können, verwandeln sie, unterstützt von Erwin Bader an den Keyboards, das New Yorker Appartement (höchst praktikabel von Johannes Leitgeb und Sabina Pinsker eingerichtet) sukzessive in ein kunterbuntes Schlachtfeld.

Doch die Weltgeschichte wird meist in Treppenwitzen erzählt: Ein Löwe beispielsweise macht sich vor der Psyche für seinen Auftritt im Kolosseum schick. Und Steinböck/Rudle austrofizierten das Musical gnadenlos: Aus der US-Flagge reißen sie das österreichische Wappen heraus, aus den Sternen fabrizieren sie Sisis Haarschmuck. Der Lampenschirm wird zu Nofretetes Kopfbedeckung, Caesars Helm besteht aus Silberlöffel, und beim Stöbern nach Requisiten finden sie sogar die Saliera: Als devot-aufmüpfige und bauernschlaue Diener Nestroyscher Prägung sprühen Steinböck und besonders Rudle, um ihre Visionen eines grandiosen Musicals den Investoren schmackhaft zu machen, vor scheinbar improvisierten Einfallsreichtum.

Welchen Anteil Regisseur Hanspeter Horner an dem irrwitzigen Treiben hat, lässt sich nicht ausmachen: Der Unterhaltungsabend - samt einigen wohltuenden US-kritischen Anmerkungen - ist trotz mancher Länge (Andreas Hofer) wie aus einem Guss. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 4. 2004)

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