"Madame Butterfly" als erhellendes Opernrätsel

25. April 2004, 19:29
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Wiens Opernfreunde dürfen sich über und auf einen großen Abend freuen

Wien - Eigentlich geht es auf der Bühne der Wiener Volksoper während der Samstag präsentierten Neuproduktion von Giacomo Puccinis Madame Butterfly haargenau so zu, wie man es vom ganzen Herzen nicht haben möchte:

Allein die Kunde, dass das Werk in seiner (an der Mailänder Scala eher bruchgelandeten) Erstversion aus dem Jahr 1904 aufgeführt werden soll, bringt die Knie eines jeden urfassungsgeschädigten Opernfreundes unweigerlich zum Schlottern.

Beginn vor dem Beginn

Doch damit nicht genug: Noch vor Einsetzen der Musik irren zu Beginn (nicht einmal in der Urfassung vorgesehene) Leute in Jahrhundertwendekostümen über die Bühne und betrachten diverse Nipponerien, die sich später als Bühnenbild erweisen.

Diese überflüssige Gesellschaft ist wie lästiges Ungeziefer. Nicht wegzukriegen von der Bühne. So innig und traut kann es zwischen den beiden Liebenden gar nicht zugehen, als dass in irgend einem Winkel nicht doch einige Gestalten, die im Grund gar nicht hergehören, zu sehen sind.

Ein Puccini-Imitat, das während der gesamten Vorstellung bald zwischen den Akteuren herumgeistert, bald neben diesen lungert, macht die Verwirrung erst richtig perfekt. Nicht zuletzt, weil der gefakte Maestro auch noch die Partie des Yamadori intoniert.

Dass die arme Cio-Cio-San, nachdem alles schief gegangen war, was in einer Liebe schief gehen kann, sich schließlich nicht einmal, wie in allen Butterfly-Fassungen vorgesehen, selbst umbringen darf, sondern von den schrägen, ihre Maulaffen feilhaltenden Bühnenkiebitzen erstochen wird, schlug für viele diesem Butterfly-Fass den Boden aus, so dass sich in den Schlussjubel unüberhörbar auch harsche Proteste gegen diese Inszenierung mischten.

Trotz dieses Katalogs an inszenatorischen Unzukömmlichkeiten, die einem Opernfreund das Durchalten im Plüschfauteuil oft genug sehr schwer machen, lieferte diese Premiere durch ihre anhaltende szenische Brisanz und vor allem auch durch die überwältigende musikalische Wucht für den Beifall die weit triftigeren Gründe als für den Widerspruch.

Szenische Poesie

Stefan Herheim hat nämlich den schlüssigen Beweis erbracht, dass man so wie in allen Kunstbereichen auch auf dem Theater alles darf, wenn es überzeugt. Herheims Inszenierung überzeugt, indem sie auf all das im Zusammenhang mit der hinlänglich bekannten Handlung dieses Werkes vorstell- und befürchtbare zeitgeistige Feminismus- oder Ostwestgeblödel verzichtet.

Vielmehr verpackt Herheim diese Madame Butterfly gemeinsam mit Kathrin Brose, seiner Ausstatterin, in einem poetischen Kokon von Nebenfiguren und Zusatzaktionen, die eher Fragen stellen, als dass sie welche beantworten.

Um die kleine, mit japanischen Papierwänden staffierte Pawlatschen streichen puppenartige Figuren von Ibsen'scher Herzenskälte. Keiner weiß genau, wer sie sind - Voyeure? - und was sie wollen - Cio-Cio-San tatsächlich die Selbstmordarbeit abnehmen? Und gerade diese Verrätselung ist es, innerhalb derer die Annäherung und die Entfernung zwischen der Titelgestalt und Pinkerton ihre vibrierende Faszination erhält.

Cio-Cio-Sans Auftrittsszene im geballten Prunk ihrer zahlreichen Kleider, derer sie sich nach und nach entledigt und das in tiefes Blau getauchte Finale des ersten Aktes, in dem die Beleuchtung des Zuschauerraums die Funktion der besungenen Sternenhimmels übernimmt, sind rare inszenatorische Meisterstücke.

Stimmwunder Hui He

Ohne die aus Schanghai stammende Hui He in der Titelpartie wären diese wohl von weit geringerer Intensität. Vom ersten Ton an verbreitet sie nichts als Rührung und Erschütterung. Mit elementarer Gestik und einer durch ihr volles Timbre begünstigten unerschöpflichen Kraft dramatischer Nuancierung verwandelt sie die schablonenhafte Tragik ihres Bühnenschicksals zu atemberaubender Wirklichkeit. Yanyo Guo, die ihr als Dienerin Suzuki an szenischer und musikalischer Eindringlichkeit in nichts nachsteht, trägt zur unüblichen Glaubhaftigkeit dieser Tragödie erheblich bei.

Dies nicht zuletzt dank der Entscheidung für die Erstfassung des Werkes, die die Phasen der Handlung in vielen Details härter und schlüssiger schildert. Und ihre Tötung durch das gaffende Bühnenpublikum am Schluss dann freilich noch weniger glaubhaft macht.

Das Erstaunliche ist, dass die optische Dichte der Inszenierung und eine überragende Gestaltung der Titelpartie schon für einen Opernabend ausreichen, den man mit gutem Gewissen als groß bezeichnen kann. Auch wenn mit dem sängerischen Niveau der Titelgestalt höchstens noch Morten Frank Larsen als Sharpless mithalten kann. Was die szenische Präsenz anbelangt, wäre vielleicht noch Ernst-Dieter Suttheimer in der abendlangen stummen Puccini-Charge zu nennen. Schon weit weniger Viktor Afanasenko als tenoral abgemüht wirkender Pinkerton.

Nicht so ganz mithalten, vor allem im Verlauf des ersten Aktes, konnte das das Orchester der Volksoper unter Marc Piollet. Die Streicher fanden erst nach und nach zur erforderlichen chorischen Geschmeidigkeit. Auch Holz und Blech wirkten öfter, als man es sich gewünscht hätte, ungebremst - glücklicher Weise ohne der Strahlkraft der Titelheldin auch nur annähernd gefährlich zu werden. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 4. 2004)

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