Häupl im STANDARD-Interview: "Schwarz-Blau hat keine Mehrheit mehr in Österreich"

27. April 2004, 14:07
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Wiens Landeshauptmann sieht Fischer als wichtige Machtbalance zur ÖVP

Standard: War es ein Sieg Fischers oder der SPÖ?

Häupl: Natürlich war es in erster Linie ein Sieg der Person Fischer, weil es eine Persönlichkeitswahl war - und Fischer aus vielen Gründen der bessere Kandidat. Aber viele haben mit ihrer Stimme auch gezeigt, dass ihnen die Regierung nicht mehr gefällt. Aber ein Sieg der SPÖ war es nicht, sondern einer Fischers, der mich hoch beglückt.

Standard: Zuletzt war es ein Lagerwahlkampf. Hat die FPÖ-Empfehlung Ferrero-Waldner geschadet?

Häupl: Durch die Wahlempfehlung der FPÖ ist es ein Lagerwahlkampf geworden. Und dabei ist schon festzuhalten: Schwarz-Blau hat keine Mehrheit mehr in Österreich. Diese Regierung hat ihre Mehrheit verloren, das kann ich gar nicht oft genug sagen.

Standard: Sollte Ferrero-Waldner als Außenministerin zurücktreten?

Häupl: Das ist nicht zuallererst meine Entscheidung. Aber Ferrero-Waldner war die Regierungskandidatin, es war eine Niederlage der Regierung - daraus sollte die Regierung Konsequenzen ziehen.

Standard: Die SPÖ hat mit dem Argument Machtbalance operiert. Muss jetzt auch der nächste Kanzler schwarz werden?

Häupl: Nein, es hat eine sehr gute Zeit gegeben, wo Kanzler und Bundespräsident von der SPÖ vorgeschlagen wurden. Aber die ÖVP hat derzeit mit ihren 42 Prozent die gesamte Macht in ihrer Hand - die Wirtschaft, den ORF, und dagegen ist als Balance ein roter Bundespräsident wichtig.

Standard: Die SPÖ hat sich im Präsidentschaftwahlkampf mit parteiinterner Kritik zurückgehalten. Ist jetzt die richtige Zeit, Änderungen an der Spitze zu diskutieren?

Häupl: Nein, überhaupt nicht. Diese Diskussion ist weder vor noch nach der Bundespräsidentenwahl notwendig. Wir wollen keine Änderungen an der Parteispitze und haben auch überhaupt keinen Anlass dafür. Denn eines ist schon festzuhalten: Unter diesem Bundesparteivorsitzenden wurden, mit einer kleinen Ausnahme, alle Wahlen gewonnen. Das ist wichtig - und alle Diskussionen über Spargelessen oder Frisuren sind im Vergleich dazu völlig absurd. Fast so absurd wie die Manner-Schnitten-Diskussion im Bundespräsidenten-Wahlkampf. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.4.2004)

Wiens Landeshauptmann Michael Häupl freut sich, dass im Lagerwahlkampf um die Hofburg die Regierung ihre Mehrheit verloren hat. Bundespräsident Fischer sei eine wichtige Machtbalance zur ÖVP.
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