John Kerry, ein Mann für Europa

30. April 2004, 15:14
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John Kerry, der demokratische Kandidat für das Amt des US-Präsidenten, sei "in vieler Hinsicht ein Europäer", meint der britische Historiker Timothy Garton Ash

STANDARD: Wenn Tony Blair ein Referendum über die EU-Verfassung macht und die Briten mit Nein stimmen, dann ist doch Großbritannien endgültig vom Kontinent getrennt?

Garton Ash: Es ist das letzte Gefecht. Blair ist sieben Jahre lang vor den Europa-Skeptikern zurückgewichen. Jetzt sagt er, ich kämpfe. Wir werden in ein, zwei Jahren sehen, wie die Briten tatsächlich zu Europa stehen. Nicht Mr. Murdoch, nicht die Massenblätter, sondern die Briten selbst.

STANDARD: Wenn es ein Nein gibt, muss dann Großbritannien aus der EU austreten?

Garton Ash: Die Umfragen sind schlecht. Aber Blair hat ja nicht gesagt: Es geht um die EU, ja oder nein. Dann ist ein Ja sehr wohl möglich. Wenn es ein Nein gibt, dann auch in anderen Ländern. Dann wird die Verfassung leider neu verhandelt werden müssen.

STANDARD: Wenn es ein Nein ist, schließt sich dann Großbritannien endgültig an die USA an?

Garton Ash: Das muss nicht sein.

STANDARD: Ist die Frage "Europa gegen Amerika" oder "Europa gegen Bush"?

Garton Ash: Sehr gute Frage. Ich glaube, viel vom Antiamerikanismus ist eigentlich Anti-Bushismus. Ich glaube, dass ein Präsident John Kerry, der ja Französisch spricht, in vieler Hinsicht ein Europäer ist. Im Wertesystem, im Umgang mit internationalem Recht sind Demokraten den Europäern viel näher als Republikaner. Und wenn wir in Europa gut vorbereitet sind und Glück haben, dann beginnt eine ganz neue Phase zwischen Europa und Amerika. Das bedeutet, wir sollten eigentlich als Ziel der europäischen Politik haben, dass Ralph Nader nicht kandidiert. (Der Grüne könnte dem Demokraten Kerry die entscheidenden Stimmen gegen Bush nehmen - wie schon im Jahr 2000 Al Gore. Anmerkung der Redaktion)

STANDARD: Sind die Unterschiede zwischen europäischem und amerikanischem Kontinent nicht schon zu tief, unabhängig davon, wer Präsident ist?

Garton Ash: In meinem neuen Buch "Freie Welt", das im Sommer erscheint, habe ich der populären These "Amerikaner sind vom Mars, Europäer von der Venus" widersprochen. Das sind Mythen. Wenn jetzt die "Babyboomer"-Generation in Pension geht, wird Amerika immer mehr für Soziales ausgeben und irgendwann weniger für das Militär. Aber natürlich haben wir jetzt nicht mehr den gemeinsamen Feind Sowjetunion, der unser Bündnis zementiert hat.

STANDARD: Wäre der Terrorismus ein neuer gemeinsamer Feind?

Garton Ash: Terrorismus ist nicht die Rote Armee. Es gibt eine große gemeinsame Herausforderung, für uns Europäer noch wichtiger: der Nahe Osten. Es bedarf einer großen politischen Anstrengung, damit wir der Herausforderung gemeinsam begegnen können.

STANDARD: Was soll Europa im Irak tun?

Garton Ash: Wie Talleyrand einmal gesagt hat, es war schlimmer als ein Verbrechen, es war ein Fehler. Es war ein Fehler, dass wir den Irak besetzt haben. Aber wir Europäer haben doch ein lebenswichtiges Interesse daran, dass es im Irak nicht zu einer völligen Katastrophe kommt. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26.4.2004)

Zur Person

Der britische Historiker und Autor Timothy Garton Ash, der in Oxford und Stanford lehrt und als Chronist des Zusammenbruchs des Kommunismus in Osteuropa bekannt wurde, hielt in Wien am Institut für die Wissenschaften vom Menschen einen Vortrag zum Thema "Europa und Amerika: die Chance der Krise".

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