Attentat auf afghanischen Präsidenten Karsai vereitelt

27. April 2004, 20:40
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Karsai: Auch Taliban sollen im September wählen gehen - Taliban-Befehlshaber: "Werden jeden töten, der sich an der Wahl beteiligt"

Kandahar - Die Polizei in der südafghanischen Stadt Kandahar hat nach eigenen Angaben am Sonntag einen Anschlag auf Präsident Hamid Karsai (Karzai) vereitelt. Sie nahm am Morgen auf einem Markt im Zentrum der Stadt einen Mann fest, der einen Sprengsatz in den Konvoi des Präsidenten werfen wollte, wie der Militärsprecher der Provinz, Abdul Ali, sagte.

Der Konvoi mit Karsai sollte den Markt wenige Minuten nach der Festnahme passieren. Der Mann habe sich hinter einem Haus versteckt, er habe dort "sicherlich" auf die Information von Komplizen über die Ankunft Karsais gewartet.

Karsai war am Samstag in Kandahar eingetroffen. Es war sein erster Besuch dort nach einem vereitelten Anschlag auf ihn vor zwei Jahren. Am Sonntag hatte er in seinem Heimatdorf Kars, rund 20 Kilometer südlich der Stadt, das Grab seines Vaters besucht.

Appell an Taliban

Bei seinem Besuch appelierte der afghanische Übergangspräsident Karsai an die entmachteten radikal-islamistischen Taliban, bei den Wahlen im September ihre Stimme abzugeben. "Sie sind afghanische Bürger, sie können sich registrieren lassen und sich an den Wahlen beteiligen", sagte Karsai am Sonntag. Die Regierung versuche, über einen Frieden mit den Aufständischen zu verhandeln. Die Visite des aus Kandahar stammenden Karsai in der ehemaligen Taliban-Hochburg fand unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt.

Nach Angaben seines Sprechers, Jawed Ludin, rief Karsai allerdings nur jene, deren "Hände nicht blutbefleckt sind" dazu auf, an den Wahlen im Herbst teilzunehmen. Ein Taliban-Kommandant wies den Appell Karsais umgehend zurück. "Wir werden unsere Anstrengungen verstärken, die Wahlen zu verhindern und werden jeden töten, der sich daran beteiligt", sagte Taliban-Befehlshaber Mullah Dadullah der Nachrichtenagentur Reuters per Telefon. Der Taliban-Vertreter bestritt gleichzeitig, dass es Gespräche der Taliban mit der Regierung gebe.

Die für September geplanten Präsidenten- und Parlamentswahlen sind die ersten in der Geschichte des Landes. Rund 1,8 Millionen von zehn Millionen wahlberechtigten Afghanen haben sich für die Wahlen bisher registrieren lassen. Aus Sicherheitsgründen war die ursprünglich für Juni vorgesehene Abstimmung verlegt worden. Eine neue Welle der Gewalt im Süden und Südosten des Landes behindert derzeit die Bemühungen der Vereinten Nationen, die Registrierung der Wahlberechtigten voranzutreiben.

Unterdessen bestätigte der Militärkommandant von Kandahar, General Chan Mohammed, den Anschlagsversuch auf Karsai. Der örtliche Polizeichef Sadik Hulla sagte, der mutmaßliche Attentäter werde von Geheimdienst-Agenten verhört. Er fügte hinzu, dass vermutete Komplizen nicht gefunden worden seien. Demnach hatte der Mann eine "Minibombe" oder eine Granate bei sich gehabt. Eine regierungsnahe Quelle sprach der Nachrichtenagentur AFP gegenüber lediglich von einem "Vorfall von geringer Bedeutung".

Im September 2002 war bereits ein Mordanschlag auf Karsai versucht worden. Damals eröffnete ein Wächter das Feuer auf den Präsidentenwagen, als er die Gouverneursresidenz verließ. Karsais US-Leibwache schoss zurück und tötete vier Menschen, darunter den Angreifer. (APA)

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