Letzte Hilfe vor der Wahl (II): Frauenkrieg gegen "Benita"?

25. April 2004, 13:19
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Warum eine österreichische Feministin der ersten Stunde den geballten Attacken "engagierter" Frauen gegen die VP- Hofburg-Kandidatin nicht ganz folgen kann - von Trautl Brandstaller

Alle "engagierten" Frauen gegen Benita - das scheint der letzte Schlachtruf im Wahlkampf, der am Sonntag von 3,1 Millionen Frauen, vor allem von den jüngeren, besser gebildeten, urbanen Frauen entschieden werden wird.

Argument Nr. 1 von Frau gegen Frau: Ferrero-Waldner habe sich nie in der Frauenpolitik engagiert. Was zwar stimmt, aber für frühere Kandidatinnen wie Heide Schmidt (in ihrer FPÖ-Zeit) oder auch Gertraud Knoll genauso galt. Frauenpolitik zählt im Übrigen nicht zu den Kernkompetenzen des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin.

Argument Nr. 2 : Die ÖVP-Kandidatin weise schlechtere formale Qualifikationen auf als der SPÖ-Bewerber, was nicht stimmt, aber für frühere Kandidatinnen (siehe oben) mindestens genauso gegolten hätte. Natürlich wäre es schöner, eine Frau wie Mary Robinson aus Irland oder die tragisch ermordete Anna Lindh aus Schweden zur Wahl präsentiert zu bekommen. Da muss sich die SPÖ allerdings fragen (lassen), warum sie selbst keine qualifizierte Frau mit politischer Erfahrung vorzuschlagen hat.

Wohin sind sie alle, die Frauen, die in den Siebziger-und frühen Achtzigerjahren sozialisiert wurden und die unter dem Einfluss der Frauenbewegung Beruf und Kinder, Karriere und Partnerschaft unter einen Hut zu bringen versuchten? Wo sind sie hin, die Frauen, die der SPÖ damals nicht nur eine solide Wählerinnenmehrheit, sondern auch das Image einer modernen, zukunftsorientierten Partei verschafften?

Die Frauenpolitik der SPÖ war damals, in der Ära Dohnal, in der Gesellschaft erfolgreicher als in den eigenen Reihen. Unter Mitwirkung zahlreicher engagierter Frauen in den Medien setzten sich die "Frauenthemen" - Selbstbestimmung im privaten Raum, gleiche Chancen im öffentlichen Raum, Änderung der Männerrolle etc. - als zentrale gesellschaftliche Fragen durch. Der Sickerprozess war so erfolgreich, dass auch Mitte-rechts- und Rechtsparteien der geänderten politischen Stimmung Tribut zollen mussten. FPÖ (Haider zunächst mit Heide Schmidt, dann mit Riess-Passer) und ÖVP (mit Rauch-Kallat, jetzt mit Ferrero-Waldner) zogen erfolgreich die "Frauenkarte".

Die öffentliche Meinung hatte sich seit den frühen Siebzigerjahren so geändert, dass schwarze und rote Landeshauptfrauen (Klasnic, Burgstaller), Generalsekretärinnen und stellvertretende Parteivorsitzende (Glawischnig) widerspruchslos akzeptiert wurden. Ein Sieg der Frauenbewegung?

Ja, sicher - auch dann, wenn nicht alle der erwähnten Frauen als feministische Vorkämpferinnen aufgetreten waren. Von Ideen, die sich in der Gesellschaft durchgesetzt haben, profitieren auch die, die nicht für deren Durchsetzung gekämpft haben. Das mag alte Kämpferinnen ärgern, ist aber der Lauf der Welt.

"Mutige" SPÖ?

Zusätzlich sollten sich die Kämpferinnen der ersten Stunde aber fragen, was in der SPÖ schief gelaufen ist. In den späten Achtziger- und Neunzigerjahren, als die Frauenbewegung an Dynamik verloren hatte und der "Backlash" begann, ließ auch die SPÖ die Frauenthemen links liegen. Sie galten als "Orchideenthemen", als Luxus aus den Siebzigern. Vranitzky befand etwa, dass die Halbe-halbe-Kampagne der damaligen Frauenministerin Helga Konrad ein "überflüssiges Thema" sei.

Auch sonst hielt sich die Begeisterung der SozialdemokratInnen für Frauenthemen und Frauenkarrieren in Grenzen. So fanden bei der letzten Bundespräsidentenwahl SPÖ und Grüne (damals auch noch das LiF) zu keiner gemeinsamen Kandidatin.

Zur Klarstellung: Ich bin noch immer Mitglied (wo bleibt da nur die weibliche Form) der SPÖ (wenn auch mit großer Distanz zum vorherrschenden Kurs) und teile weder die innenpolitischen noch die außenpolitischen Positionen von Benita Ferrero-Waldner. Ich kann weder ihrer Nato-Präferenz (die nur kurzfristig im Wahlkampf auf Eis gelegt wurde) noch ihren Statements zum Irakkrieg etwas abgewinnen - im Krieg gibt es keine Position "in der Mitte".

Unnötige Angriffe

Auch ihre Osterweiterungspolitik (Stichwort "regionale Partnerschaft") war nicht gerade ein Erfolgshit. Vom Denken wie vom Styling ist und bleibt sie konservativ geprägt, da hilft kein Weblog und kein Medientrainer. Aber ihr die fachliche Qualifikation abzusprechen und fehlende Frauenpolitik vorzuwerfen halte ich weder für demokratisch noch für fair.

Wer sie angreift, soll sie wegen ihres außenpolitischen Kurses angreifen. Wer sie ablehnt, soll dies mit außen- und innenpolitischen Argumenten tun. Der Rest ist ein unnötiger Frauenkrieg. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 24./25.4.2004)

Trautl Brandstaller leitete im ORF von 1976-84 das Magazin "Prisma", das Fragen der Frauenpolitik zur Debatte stellte, und redigierte den "1. Frauenbericht", der 1975 das UNO- "Jahrzehnt der Frau" in Österreich eröffnete; bis 1999 arbeitete die Autorin als Dokumentarfilmerin im ORF; seither freie Publizistin in Wien.
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