Grazer "Vinzidorf": Aufruhr in der Containersiedlung

25. April 2004, 20:57
5 Postings

Der Umgang mit Obdachlosen in der Containersiedlung wird von der früheren Leiterin eines Pflegeheims massiv kritisiert

Der Umgang mit Obdachlosen im Grazer "Vinzidorf" wird von der früheren Leiterin und Mitarbeitern eines steirischen Pflegeheims, das ehemalige Bewohner des Dorfs betreut, massiv kritisiert.

***

Graz - Vor zehn Jahren gründete der Grazer "Armenpfarrer" Wolfgang Pucher das "Vinzidorf", eine Containersiedlung für Obdachlose. Das Dorf, in dem nur Männer aufgenommen wurden, unterscheidet sich von anderen Obdachlosenasylen vor allem darin, dass es kein Alkoholverbot gibt. Denn genau dieses ist für viele der Grund, auf der Straße zu landen.

Neben viel Lob für den "Armendienst", der - vor allem von ehrenamtlichen Mitarbeitern - in der Obdachlosensiedlung geleistet wurde, gab es aber eine auffällige Fluktuation bei den professionellen Mitarbeitern. Bereits im Dezember des Vorjahrs warfen die beiden Sozialpädagoginnen Sonja Haunsperger und Petra Schulz das Handtuch. Schulz, die 15 Monate lang als Leiterin des Vinzidorfs beschäftigt war, bat um eine einvernehmliche Auflösung ihrer Dienstverträge, weil sie "diese Ideologie und den Umgang mit den Bewohnern nicht mehr mittragen" konnte.

Pflegefälle und schwere Alkoholiker

Konkret kritisiert Schulz gegenüber dem STANDARD, dass im Vinzidorf Pflegefälle, schwere Alkoholiker, aber auch - seit die Landesnervenklinik Sigmund Freud Betten abbaute - psychisch Kranke ohne die notwendige Betreuung wohnen. Außerdem "trinken einige von den Mitarbeitern selber zu viel".

Deswegen sorge sie sich um zwei ehemalige Bewohner, Franz V. (52) und Toni E. (54), die seit rund einem Jahr in einem Pflegeheim wohnen, weil sie wegen ihrer Alkoholkrankheit in Lebensgefahr waren. Schulz: "Franz war inkontinent und oft so betrunken, dass er bei Minusgraden mit nasser Hose im Freien gesessen und angefroren ist. Danach war er wochenlang wund. Im Vinzidorf sterben die Leute einfach weg." Nun wolle laut Heimleiterin Daniela Holzner das Vinzidorf die Männer wieder zurückhaben. Ein Sparbuch E.s habe das Dorf erst nach einem Jahr und durch Intervention der Polizei herausgerückt.

Lieber im Pflegeheim als zurück

Im Pflegeheim in St. Oswald bei Eibiswald wurden beide Männer trocken. Holzner meint, es gehe ihnen so weit gut und sie seien zufrieden. (Dem STANDARD liegt ein handschriftlicher Brief von V. vor, in dem er vor wenigen Tagen schrieb, er wolle im Pflegeheim bleiben.) Eine Rückkehr ins Vinzidorf würde bei beiden zum schnellen Tod führen, fürchtet Holzner: "Im Fasching 2003 erwischte E. ein halbes Krügerl Bier und fiel ins Leberkoma."

Keine Zwangstherapie

Ganz anders sieht das Pfarrer Pucher. Er habe von seinen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die regelmäßig nach St. Oswald zu Franz V. und Toni E. fahren, gehört, dass vor allem Herr V. "unbedingt ins Vinzidorf heimkommen will". Pucher: "Ich war es, der Herrn E. unter der Brücke weggeholt hat, ich war es!" Der Pfarrer bestreitet nicht, dass die Männer, wenn sie weitertrinken, bald sterben würden, aber "es ist besser, wenn ein Mensch ein paar Wochen weniger, aber glücklich lebt, als wenn er zwangstherapiert länger lebt". (Colette M. Schmidt, DER STANDARD Printausgabe 24/25.4.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Viele Bewohner der Containersiedlung sind nicht mehr heilbare Alkoholkranke

Share if you care.