Im Treibsand der Jahrhunderte

30. April 2004, 11:54
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Thomas Stangls erstaunlicher Roman über Reisende und Projektionen

Von allen mythischen Städten ist Timbuktu vielleicht die geheimnisvollste. Bis 1826 war die Stadt bloß ein Name im finsteren Herzen Afrikas. Dann betraten im Abstand von zwei Jahren zwei Europäer erstmals den sagenumwobenen Ort. Timbuktu war da bereits der Bedeutungslosigkeit anheim gefallen.

Die Marokkaner hatten das ehemalige Handelszentrum bei ihrem Vorstoß in die Sahara devastiert. Trümmerhaufen und Sand empfingen die Besucher, von denen einer nicht mehr zurückkehren sollte in die Zivilisation. Denn zivilisiert, das war man nur in Europa. Afrika war kein Ort der Geschichte. Die namenlosen Königreiche, die Kriege, die Araber, Tuaregs, die schwarzen Völker, die in Timbuktu aufeinander trafen, tauchten nur als Schemen auf. Alle antiken Schriftsteller erzählten Fantastisches, und natürlich zog sich das Gerücht durch die Jahrhunderte, dass in Timbuktu und am Niger sagenhafte Goldschätze zu finden seien.

Erforschung als Eroberung: Ein Land zu durchreisen, zu "erforschen" bedeutete, es in Besitz zu nehmen. Was das dunkle Herz Afrikas betraf, stritten sich Engländer und Franzosen um ihre Einflusssphäre. Ihre Repräsentanten hätten unterschiedlicher nicht sein können. Der mittellose Abenteurer René Caillié versuchte über den Senegal Timbuktu zu erreichen. Major Gordon Laing brach mit einer Karawane aus Tripolis auf. Zuvor hatte er sich dort mit der Tochter des britischen Konsuls verlobt.

Thomas Stangls monumentaler Debütroman benützt die historischen Fakten nur als äußeres Gerüst für eine Fülle von Introspektionen. Der Text mutet anfangs sehr abstrakt an, gewinnt aber mit zunehmender Verankerung seiner Figuren an Plastizität.

Die beiden historischen Reisenden, deren äußere und innere Zusammenbrüche in rasch wechselnden Parallelen erzählt werden, verkörpern unter anderem grundsätzliche Möglichkeiten, sich dem Fremden zu nähern bzw. zu verweigern. So wird dieses mitreißende Epos erwartungsgemäß zu einer Betrachtung über das Eigene und das ganz andere. Caillié entledigt sich seiner persönlichen Geschichte. Er erfindet sich neu. Da er als Christ keine Chance hätte, die Reise zu überleben, lernet er Arabisch, mutiert zum entführten mohammedanischen Kind, das unter Christen aufwachsen musste und nun als frommer Muslim zu seinen Ursprüngen zurückkehrt. Caillié passt sich an, doch führt diese Mimikry nicht dazu, dass die teilweise offen feindseligen Reisebegleiter ihn akzeptieren.

Seine Aufzeichnungen kann Caillié nur heimlich machen, weil er sich sonst verraten würde. Er hat fast keine materiellen Mittel und trotzdem wird er derjenige sein, der nach Europa zurückkehrt. Laing hingegen ist der typische Vertreter seines britischen Empires. Er beharrt auch in der Wüste auf seiner formellen, korrekten Kleidung.

Allerdings erodiert diese Identität zunehmend. Namenlose Krankheiten, Fieberschübe, dauernde Lebensgefahr machen das Ich-Konstrukt brüchig. Der Abgesandte der Zivilisation in die Barbarei wird unter ungeklärten Umständen ausgeraubt und ermordet, nachdem er die Stadt betreten und wieder verlassen hat.

Stangls Expedition in den Treibsand der Jahrhunderte ist eine Geschichte der Projektionen, der geistigen Kolonisierung und konkreten Unterwerfung geboren aus kollektiven Träumen. Oft erinnern die exotischen Bilder und Rahmen, die Bruchstücke der Geschichte und die litaneiartigen Aufzählungen an die Literatur der Décadence.

Die geträumte Stadt wird "der einzige Ort", der alles umfassen kann. Jahrtausende stürzen auf einen ein, funkelnd wie ein Sack Edelsteine, den eine verdurstende Karawane verloren hat. Und all das in einer Schwindel erregend kleinen Schrift, die ein sehr langsames Lesen erfordert. Timbuktu ist kein Tagestrip. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24/25.4.2004)

Von Ingeborg Sperl
  • Thomas StanglDer einzige Ort € 25,-/405 Seiten. Droschl, Graz / Wien 2004.

    Thomas Stangl
    Der einzige Ort
    € 25,-/405 Seiten. Droschl, Graz / Wien 2004.

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