Wiener Auswahlkriterien

28. April 2004, 09:44
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Über Bestellungsgrotesken - ein Kommentar von Thomas Trenkler

Airan Berg, Kodirektor des Wiener Schauspielhauses, ist auf eines irgendwie stolz: nicht aufgrund von Freunderlwirtschaft oder Parteizugehörigkeit bestellt worden zu sein, sondern seines Konzeptes wegen, das er mit einem Australier erstellt hatte, den hierzulande niemand kannte. Auch Sigrid Gareis wurde Chefin des Tanzquartiers ohne Seilschaften - und leistet, wie sich immer wieder zeigt, gute Arbeit.

Beide Bestellungen erfolgten unter Peter Marboe als Kulturstadtrat. Sie waren allerdings nicht so sehr dessen Verdienst, sondern jenes der Demokratie: Als Baby-Partner der SP konnten die Bürgerlichen nichts anderes tun, als auf faire und transparente Prozesse bei der Entscheidungsfindung zu pochen. Seit Michael Häupl aber mit absoluter Mehrheit regiert, feiert der Postenschacher im Kulturbereich wieder fröhliche Urständ.

Man vergibt einerseits freihändig: Kathrin Zechner wurde ohne Musical-Vorkenntnisse Intendantin der Vereinigten Bühnen Wien; Peter Marboe, einst profunder Kritiker seines Nachfolgers Andreas Mailath-Pokorny, zum mundtot gemachten Chef des Mozart-Jahres. Oder man setzt pro forma Kommissionen ein, deren Empfehlungen gar nichts gelten: Hans Gratzer, mittlerweile geschasster Josefstadtdirektor, wurde von Mailath bereits vor der Jurysitzung über seine Bestellung informiert. Der Kulturstadtrat machte Wolfgang Kos zum Direktor des Wien Museums, obwohl sein Name nicht auf dem respektablen Dreiervorschlag aufschien. Und nun bestellte Mailath eine Kunstgewerbekustodin zur Leiterin der Stadt- und Landesbibliothek, ohne darüber die Öffentlichkeit in Kenntnis zu setzen.

Der Parteikollege des Kulturstadtrates warb mit dem Slogan, Politik brauche ein Gewissen. Mailath-Porkorny sollte zumindest eines haben: Gewissensbisse. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24/25.4.2004)

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