"Bestellungsgroteske" in Stadt- und Landesbibliothek

29. April 2004, 13:11
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Sylvia Mattl-Wurm, Kustodin für das Kunsthandwerk im Wien Museum, wurde zur neuen Direktorin der Wiener Stadt- und Landesbibliothek erkoren

Wien - Sylvia Mattl-Wurm, Kustodin für das Kunsthandwerk im Wien Museum, wurde zur neuen Direktorin der Wiener Stadt- und Landesbibliothek erkoren. Hausintern wird diese Entscheidung massiv kritisiert. Die Personalentscheidung, die seit längerem feststehen dürfte, wurde bisher nicht offiziell bekannt gegeben. Und auf Nachfrage auch nicht bestätigt: Das Büro von SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny verwies bloß auf die Magistratsdirektion. Laut dieser sei mit einer Entscheidung erst im Laufe der nächsten Woche zu rechnen. Die Bibliothek aber wurde bereits informiert.

Ende November des Vorjahres ging Walter Obermaier als Direktor in Pension. Die Magistratsdirektion hatte daher schon im September den Posten neu ausgeschrieben. Bewerbungen waren bis 20. Oktober einzureichen. Insgesamt bewarben sich 46 Personen, darunter auch Fachleute aus Deutschland. Als aussichtsreichster Kandidat galt Gerhard Renner, der stellvertretende Direktor: Er war von Obermaier als Nachfolger aufgebaut worden und genießt einen sehr guten Ruf. Ihm sei es geglückt, die "einst verstaubte Bibliothek vom 19. in das 21. Jahrhundert zu führen".

Sein Name findet sich denn auch im ungereihten Vierervorschlag der Begutachtungskommission, in der unter anderem Mailath sitzt. Doch die Wahl fiel nicht auf den parteibuchlosen Literaturwissenschafter, sondern auf Sylvia Mattl-Wurm. Die Bestellung der 49-jährigen Kustodin (sie kuratierte zuletzt die Gastarbajteri-Ausstellung) war möglich geworden, weil im Ausschreibungstext ein bisher üblicher Passus eliminiert wurde. Denn dieser verlangte als Voraussetzung die Ausbildung zum Bibliothekar.

In der Stadt- und Landesbibliothek glauben Mitarbeiter, dass Sylvia Mattl-Wurm noch vor Veröffentlichung der Ausschreibung als neue Direktorin mehr oder weniger fest gestanden sei. Das Hearing, zu dem neun Kandidaten eingeladen wurden, sei daher "bloß eine Farce" gewesen.

Mattl-Wurm galt als entschiedene Kritikerin von Günter Düriegl, dem langjährigen Direktor des Wien Museums (das damals noch Historisches Museum hieß). Im Frühjahr 2002 beauftragte Mailath-Pokorny unter anderem ihren Ehemann, den Historiker Siegfried Mattl, das Museum zu evaluieren. In dieser Studie wurde die Arbeit von Düriegl, wie nicht anders zu erwarten war, negativ beurteilt: Das Museum habe ein "schwaches Profil", die Präsentationen seien "konzeptlos und defizient".

Günter Düriegl protestierte damals gegen die seiner Meinung nach "tendenziöse" Darstellung: Die Autoren (neben Siegfried Mattl auch Kunsthallenchef Gerald Matt und dessen Kurator Thomas Mießgang) seien keine "Museumsleute" und könnten daher den Museumsbetrieb auch nicht beurteilen; zudem hätte manch in der Studie aufgelistetes Detail ein Außenstehender gar nicht wissen können.

"Augenauswischerei"

Mailath hatte sich aber bereits entschlossen, den Vertrag von Düriegl, der bis März 2003 (zweieinhalb Jahre vor dessen Pensionierung) lief, nicht zu verlängern. Und er bestellte im Herbst 2002 den Radiomacher Wolfgang Kos, dessen Name nicht im Dreiervorschlag des Kuratoriums aufschien. Die Sprachsoziologin Ruth Wodak zog daraufhin die Konsequenzen: Sie trat als Kuratoriumsmitglied zurück, weil das Gremium "brüskiert" wurde. Denn noch im Mai 2002 hatte der Kulturstadtrat gemeint, er werde sich "natürlich" an den Vorschlag halten, denn sonst wäre das Verfahren "ja eine Augenauswischerei". (DER STANDARD, Printausgabe vom 24/25.4.2004)

Von
Thomas Trenkler

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