"Gorgonzola?" - "Cheese!"

29. April 2004, 19:10
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Als Präsident der Viennale ist er rührig wie eh und je: Verbeugung zum 80. Geburtstag von Eric Pleskow

Kinoklassiker wie "Annie Hall" tragen auch seine Handschrift; als Präsident der Viennale ist er rührig wie eh und je: Verbeugung zum 80. Geburtstag von Eric Pleskow


Wien - "Und? Können Sie damit was anfangen?", fragt er am Ende: "Wir haben ja kaum über Film gesprochen." Richtig. Aber dann würde es für ein Porträt zum 80. Geburtstag von Eric Pleskow ("Nein, nein, einen Nachruf zu Lebzeiten - den brauchen wir wohl beide nicht!") noch komplizierter werden. Die Frage ist nämlich nicht, ob man "etwas anfangen" kann mit den detailreichen Erzählungen des legendären Filmproduzenten und immer noch höchst agilen Viennale-Präsidenten, sondern: Wo fängt man an?

Rudolf Ulrich, Autor eines dieser Tage erschienenen voluminösen Kompendiums über Österreicher in Hollywood (ediert vom Filmarchiv Austria) hatte es da vergleichsweise leicht: Eine Kurzbiografie in lexikalischem Format verwandelt noch das bewegteste Leben in einen überschaubaren Stationenparcours.

Flucht vor den Nazis aus Wien in die USA. Erste filmische Gehversuche im Solde der US-Armee und spätere Leitung in Sachen Neuorganisation der bayerischen Filmindustrie unter der US-Nachkriegs-Militärregierung. 1951 - nur als einer der vielen Neubeginne in Pleskows Leben - Eintritt beim Traditionsstudio United Artists, dessen Präsident er 1978 schließlich werden sollte, nach Welthits wie Einer flog über das Kuckkucksnest, Rocky oder Annie Hall. Später, als Gründer, Chef und Produzent der Orion Pictures: Terminator, Das Schweigen der Lämmer, Amadeus, Der mit dem Wolf tanzt . . . Haben wir etwas ausgelassen? Klar. Oder: Gott sei Dank. Und wenn Eric Pleskow über sein Leben erzählt, dann verharrt er immer lieber in den Details komplizierter Konstellationen, an denen dieses Leben fürwahr überreich ist.

Minutenlang kann er etwa über einen 15-jährigen Einwanderer erzählen, der seinen Mitschülern in New York fremd bleiben muss: "Ich war durch die Erfahrung in Wien und der Flucht erwachsen geworden, sie waren noch Kinder. Erst als der Lehrer fragte: Was ist Gorgonzola? - und ich all meinen Mut zusammennahm und ,Cheese!' sagte - das war mein ,Durchbruch'."

Warum wieder Wien?

Oder, um gleichsam ein Stück Gegenwart in den Pleskow-Lebensfilm hineinzuschneiden: Warum zum Beispiel sitzt er jetzt doch wieder in Wien? "Wenn Sie mir vor zwölf Jahren gesagt hätten, dass ich hier noch einmal Geburtstag feiern würde, dann hätte ich das von mir gewiesen." Nicht einmal zum mittlerweile historischen Treffen der österreichischen Kino-Emigranten, das die Viennale 1993 organisierte, wollte er wirklich kommen. Seine Frau, "aber na gut, die kommt ja auch nicht aus Wien, ist nicht so vorbelastet" - sie hat ihn dazu überreden müssen. Und dann ist da auch noch die ORF-Journalistin Gabriele Flossmann, "die es sich auf sehr dezente Art zur Aufgabe gemacht hatte, mich wieder hierher zurückzubringen".

Hierher, wo ihn immer noch an jeder Ecke alte Erinnerungen und zeitlose Geschichtsverharmloser quälen. Absurd eigentlich, sagt Pleskow immer noch (und klingt dabei durchaus grimmig): "Ich verdien' ja hier nichts. Ich brauch's auch nicht." Aber, und das hat er mittlerweile durchaus eingesehen: Wien und speziell die Viennale braucht ihn. Ehrenamtlich gibt er seit nunmehr sieben Jahren den Präsidenten des Festivals, kämpft an der Seite von Hans Hurch einen (Windmühlen-)Kampf um mehr Subventionen, steht mit seinen immer noch exzellenten Kontakten in Hollywood zur Verfügung, hält die kürzesten, witzigsten Eröffnungsreden.

"the human condition"

"Und, wissen Sie, es wird reich entlohnt. Ich sehe dann als Eröffnungsfilm "Lost in Translation" oder als Abschlussfilm "Seit Otar fort ist" - und da ist wieder genau das, was mich auch als Dokumentarfilmer und als Produzent immer fasziniert und bewegt hat: the human condition. Auszuloten was Menschen antreibt, bewegt" - darin sieht sich Pleskow von Viennale-Direktor Hans Hurch verstanden, und das "würde ich auch als Handschrift meiner Arbeit und meines Lebens bezeichnen". Eines Lebens, in dem doch so vieles geradezu gewalttätig vom Zufall bestimmt wurde. Eines Lebens gleichzeitig, in dem es ganz große Konstanten gibt: 50 Jahre lang ist Pleskow mit seiner Frau, einer gebürtigen Südafrikanerin, verheiratet.

Können Sie damit was anfangen? Am Samstag feiert Eric Pleskow in Wien seinen 80. Geburtstag, und über Filme, über Kino reden wir demnächst weiter, spätestens bei der kommenden Viennale. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24/25.4.2004)

Von
Claus Philipp
  • Eric Pleskow in Wien bei Eröffnungs- feierlichkeiten der VIENNALE 2003 "Wenn Sie mir vor zwölf Jahren gesagt hätten, dass ich hier noch einmal Geburtstag feiern würde, dann hätte ich das von mir gewiesen."
    foto: viennale

    Eric Pleskow in Wien bei Eröffnungs- feierlichkeiten der VIENNALE 2003

    "Wenn Sie mir vor zwölf Jahren gesagt hätten, dass ich hier noch einmal Geburtstag feiern würde, dann hätte ich das von mir gewiesen."

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