Nestlé will mit Wellness wachsen

29. April 2004, 19:40
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Wollen Lebensmittelkonzerne wachsen, müssen sie Zusatznutzen bieten - Für den Nahrungsmittelmulti gilt Wellness als der nächste Wachstumstreiber

Wien - "Die Umsätze im Bereich Nutrition und Wellness sollen sich in den nächsten zehn Jahren auf 14 Millionen Schweizer Franken verdoppeln", sagt Christian Reitterer, Marketingmanager bei Nestlé Österreich über ein strategisches Ziel, das der oberste Chef des Schweizer Nahrungsmittelriesen, der gebürtige Kärntner Peter Brabeck-Letmathe, dem Konzern verordnet hat.

Der betriebswirtschaftliche Grund: Will ein Nahrungsmittelkonzern im 21. Jahrhundert noch wachsen, muss das über Innovationen geschehen - und diese passieren derzeit in der "Funktionalisierung" von Lebensmitteln, indem sie mit "Zusatznutzen" angereichert werden. Damit soll den Forderungen der Konsumenten nach "Wellness", also körperlichem und geistigem Wohlbefinden entsprochen werden, argumentiert Nestlé.

Höhere Margen

Nicht gerade unwichtiger Nebeneffekt: Bei diesen Produkten können höhere Gewinnmargen erzielt werden als bei herkömmlichen Nahrungsmitteln. Dabei setzt Nestlé so genannte "branded active ingredients" ein, erläutert die Ernährungswissenschafterin Sonja Lemberger, bei Nestlé Österreich als "Nutrition Champion" das Bindeglied zwischen ihrem Fachgebiet und dem Marketing.

Eine dieser Markensubstanzen ist etwa die LC1-Bakterienkultur in den probiotischen Joghurts. Konzernchef Brabeck habe auch in diesen neuen Bereichen die Formel "60-40-plus" vorgegeben. Das bedeute: Nicht nur bei Blindverkostungen müssen mindestens sechs von zehn Testern dem Nestlé-Produkt den Vorzug geben, um es marktreif werden zu lassen, es hätten auch die Nährstoffprofile im Vergleich zur Konkurrenz evident besser zu sein, so Lemberger im STANDARD-Gespräch.

Globalisierungskritiker misstrauisch

Die Anstrengungen der Industrie, neue Produkte auf den Markt zu bringen, die den Anspruch haben, mehr "Wellness" beim Konsumenten hervorzurufen, machen üblicherweise Globalisierungskritiker misstrauisch. Nestlé ist nach wie vor mit diversen einschlägigen Vorwürfen konfrontiert, etwa in der Dritten Welt mit künstlicher Babynahrung Profite zu machen.

Also werden die Strategien im angesprochenen Bereich ebenfalls kritisch beäugt. "Wir kennen alle Vorwürfe", so Reitterer, "aber dazu gibt es bereits ausreichend Literatur, und wir stellen uns dem Dialog - das wird sehr geschätzt, wenn ein Multi das tut."

Ein Beispiel seien Unterrichtsmaterialien über Ernährung, die seit drei Jahren Lehrern zur Verfügung gestellt werden. "In den begleitenden Workshops kommen teilweise noch Vorwürfe aus den 70er-Jahren. Aber wir sehen solche kritischen Zielgruppen als Chance." Der Essaywettbewerb - sieh nebenstehenden Artikel - sei ein weiterer Teil dieses Dialoges. (red, Der Standard, Printausgabe, 224.04.2004)

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    Will ein Nahrungsmittelkonzern im 21. Jahrhundert noch wachsen, muss das über Innovationen geschehen - und diese passieren derzeit in der "Funktionalisierung" von Lebensmitteln, indem sie mit "Zusatznutzen" angereichert werden

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