Wahlsprech-Analyse: Gar kein Ausdruck

25. April 2004, 17:06
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Bewusst eingesetzte Unschärfe der Sprache und deren Sinnentleerung - Er über "ihn" - Sie über sich: "Ich bin breit"

Im Grund ist das sprachliche Desaster der Politik - und das ist nicht nur im abgelaufenen Präsidentschaftswahlkampf zu beobachten - auf ein sehr einfaches Phänomen zurückzuführen: Wo Politiker den Mund aufmachen, um sich oder ihre Ware anzupreisen, werden grundlegende Regeln, die das Zusammenwirken sprachlicher Zeichen in einem allgemein verbindlichen Kommunikationssystem bestimmen, außer Kraft gesetzt.

Politiker sprechen

Ein Satz wie "Ich spreche mit 101 Politikern in ihrer Sprache" erschließt sich dem geneigten Zuhörer nur, wenn er bereit ist, einfachste Funktionsweisen sprachlicher Zeichen, etwa die Beziehung zwischen Signifikat und Signifikant, also zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem oder, noch einfacher, zwischen Inhalt und Ausdruck zu ignorieren.

Hunde bellen

Dagegen ist ein Satz wie "Der Hund bellt" von der Ausdrucksseite der sprachlichen Zeichen leicht verständlich, die optischer, akustischer oder eventuell taktiler Natur sein können. Etwas differenzierter ist das Verständnis der Inhaltsseite, da dem Subjekt mehrere Bedeutungen zukommen: Der Hund ist ein Säugetier, mag gut- oder bösartig sein, der Hund könnte möglicherweise gar nicht als Tier gemeint sein, sondern als ein schlechter Kerl, womit auch sein Bellen völlig neue Deutungsweisen ermöglicht. Der vorgeblich simple Satz changiert also plötzlich zwischen lexikalischen und grammatikalischen, habituellen und aktuellen, metaphorischen und usuellen Bedeutungen.

Genau andersherum

Der eingangs zitierte Satz der Außenministerin Benita Ferrero-Waldner funktioniert, wenn überhaupt, genau andersherum, nämlich alle möglichen Bedeutungsmöglichkeiten negierend. Eine metaphorische, lexikalische oder gar usuelle Bedeutung ist nicht erkennbar, seine grammatikalische höchst wackelig, und die habituelle Bedeutung drückt bestenfalls einen Habitus aus, der über die Simplizität einer Aussage hinwegtäuschen und sich als Kompetenz verkaufen will.

"Kultcharakter"

Der Satz Ferrero-Waldners, ob wirklich so ausgesprochen oder ihr bloß untergeschoben, darf daher zurecht als prototypisch für die im Wahlkampf der VP-Kandidatin und ihrem SP-Gegenüber Heinz Fischer verwendete Sprache bezeichnet werden, die vor allem vom Bemühen getragen war, sich auf nichts einzulassen, was aus ihren Tiefen an die Oberfläche steigen und ihren belanglosen Schimmer stören könnte. Im rhetorischen Gesamtkontext der Auseinandersetzung, falls ein solcher feststellbar wäre, muss solch ein Satz konsequenterweise paradigmatisch wirken - oder, wie die Berater Ferrero-Waldners es vermutlich formulieren würden, "Kultcharakter" bekommen.

Emotionale Nebel

Geht man jedoch einen Schritt weiter und versucht, Denotat (begrifflichen Inhalt und Nebenbedeutung) und Konnotat (Gefühlswert) dieses Satzes zueinander in Beziehung zu stellen, fällt unschwer auf, dass Letzterem eine dominierende Rolle zukommt. Diese Dominanz des Gefühlswertes ("Ich bin kompetent, weil ich 101 Sprachen spreche") ist so stark, dass der eigentliche begriffliche Inhalt und seine Nebenbedeutung unglaubwürdig werden. Das macht weiter nicht viel, weil der solcherart produzierte emotionale Nebel die innere Unlogik des ursprünglichen Satzgebildes und damit seine objektive Unwahrheit gnädig verschwinden lässt.

"Ich bin breit"

Nur so werden Sätze wie dieser möglich: "Ich bin breit." Ihre physische Konsistenz kann Ferrero-Waldner damit nicht gemeint haben, daher bleibt dem Zuhörer die Deutungsarbeit: Vielleicht könnte die Kandidatin damit ihr Werben um Wählerstimmen gemeint haben, die jenseits ihres Parteisegments angesiedelt sind. Die bewusst eingesetzte Unschärfe der Sprache geht mit einem kuriosen Anstandsverlust einher, der unglaublich wirkt, wenn man das Gesagte ernst, also die Sprache beim Wort nehmen wollte.

Charme der Roten Falken

Beim SP-Kandidaten Heinz Fischer war man diesbezüglich sicher aufgehoben. Aus seinen Schachtelsätzen findet Fischer mit bemerkenswerter Sicherheit wieder heraus und im Vergleich mit der schwammigen Rhetorik der zur Zeit aktuellen politischen Sprachschulen strömt seine Rede seit Jahrzehnten den altmodischen Charme einer bei den Roten Falken der 50er-Jahre erworbenen Diskussionskultur aus.

Er spricht über "ihn"

Eine Unart, die immer stärker überhand nimmt, kann freilich auch Fischer nicht lassen - das Reden über sich selbst in der dritten Person. "Der Dr. Heinz Fischer hat begonnen im Jahr 1962 zu arbeiten, hat also 42 Beitragsjahre für seinen Pensionsanspruch erworben", meinte Fischer bei seinem Hearing vor freiheitlichen Funktionären auf Fragen nach seiner Pensionsfrage. Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt:

Irrtum der Sprachtrainer

Bei aggressiver werdenden Attacken stellt sich offenbar ein Reflex ein, den ihm seine Sprachtrainer eingebläut haben - die Distanzierung zum Subjekt der Rede, das Ausweichen vom "ich" der ersten in das "er" der dritten Person und damit ein Neben-sich-selbst-Treten, das eine souveräne Beherrschung des Diskurses signalisieren soll. Ganz offenbar hängt auch Fischer der irrigen Meinung an, damit heikle Gesprächssituationen entschärfen zu können, wo doch das Gegenteil eintritt: Mit dem Wechsel in die dritte Person nimmt der Sprecher einen Tempoverlust im Dialog in Kauf, der ihn nur noch weiter in die Defensive drängt, und je länger "er" statt "ich" in dieser Verteidigungsposition verharrt, umso schwieriger wird die Wiederetablierung eines souveränen, das Gespräch dominierenden "ich".

Kreisky - der Großmeister des Tempowechsels

Wenn es in einem Streitgespräch wirklich notwendig wird, Druck herauszunehmen und Zeit zu gewinnen, empfiehlt sich bis heute das Nachschlagen beim unerreichten Großmeister des Tempowechsels, Bruno Kreisky. Dem wäre es nie eingefallen, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen. Sein Arsenal an Finten und Tricks, sich die Gesprächskontrolle nicht nehmen zu lassen, war schier unerschöpflich und reichte vom Spiel mit seiner Brille über kunstvoll zelebriertes Aktenkramen bis hin zum behäbigen "ich bin der Meinung", dem, je nach Bedarf, himmelschreiende Plattitüden oder auch brillante Analysen folgen konnten. Eines passierte Kreisky allerdings nie - das Bild völliger Inkompetenz zu liefern. Aber das wäre eine andere Geschichte, in einer anderen Sprache erzählt. (DER STANDARD, Printausgabe 24./25.4.2004)

Von Samo Kobenter
  • Im Werben der Kandidaten um Stimmen geht die bewusst eingesetzte Unschärfe der Sprache mit einem kuriosen Anstandsverlust einher. Eine semiotische Wahlkampfanalyse von Samo Kobenter.
    foto: standard/cremer

    Im Werben der Kandidaten um Stimmen geht die bewusst eingesetzte Unschärfe der Sprache mit einem kuriosen Anstandsverlust einher. Eine semiotische Wahlkampfanalyse von Samo Kobenter.

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