Produktivitätsschub für Kleinbetriebe

12. Juli 2004, 15:22
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Jetzt stehen kleine Unternehmen an der Schwelle zum nächsten großen Produktivitätsgewinn auf IT-Basis - Kolumne von Esther Dyson

Vor wenigen Jahren war es en vogue, über mangelnde Produktivitätsgewinne zu debattieren: Was war bloß der Nutzen all der IT-Investitionen der Boomjahre? Jetzt, mit der beginnenden wirtschaftlichen Erholung in den USA, sehen wir die Auswirkungen: niedrige Preise, aber auch ein niedriges Beschäftigungsniveau, während große Konzerne weiterhin entweder Leute entlassen oder zumindest trotz besserer Wirtschaftslage keine neuen anstellen.

Das ist jedoch nur ein Teil der Entwicklung. Ein noch größerer Effekt der IT-Investitionen wird in den nächsten Jahren bei Kleinunternehmen sichtbar werden – aber ganz anders als bei großen Betrieben.

Horizontale Kontrolle

2002 repräsentierten 22,9 Millionen US-Firmen mit weniger als 500 Mitarbeitern 99,7 Prozent der Arbeitgeber und beschäftigten mehr als die Hälfte aller Privatangestellten. Anders als traditionelle Großunternehmen mit hierarchischen Strukturen – und der daraus resultierenden Bürokratie – koordinieren Mittelständler jeden Einkauf und Verkauf auf horizontaler Ebene. Diese Prozesse sind oft teuer und ineffizient. Ihre Qualität und Verlässlichkeit lässt sich zu schwer beurteilen, um sie mit Alternativen zu vergleichen. Jetzt stehen kleine Unternehmen an der Schwelle zum nächsten großen Produktivitätsgewinn auf IT-Basis.

Der Nutzen wird nicht in den internen Prozessen liegen; unterm Strich macht es für einen kleinen Betrieb nicht viel Unterschied, ob sich sein Eigentümer eine halbe Stunde erspart, indem er seine Lohnverrechnung außer Haus gibt.

Meist bemühen sich kleine Betriebe um höhere Erträge statt um die Reduktion ihrer Kosten. Das Internet wird ihnen helfen, ihr Einkommen zu steigern, und es wird mehr Teilzeitbeschäftigten ermöglichen, ihr eigenes Geschäft aufzubauen.

Diese Entwicklung lässt sich nur schwer darstellen, da die Player so unterschiedlich sind: Es sind Verleger und Anstreicher, Autohändler und Ein-Stunden-Fotolabors. Meist sind es Dienstleister, und viele davon bedienen nur lokale Kundschaft. Weil sie viel arbeiten, bleibt ihnen kaum Zeit, sich über IT zu informieren. Und sie sind zu klein, um große Risiken einzugehen: Nur etwa die Hälfte der Kleinbetriebe lebt länger als vier Jahre; ein schlechtes Jahr kann ihren Untergang bedeuten.

Geänderte Situation

Warum jetzt? Es ist nicht so, dass der Markt der Kleinunternehmen unentdeckt ist. Ende der 90er-Jahre haben das Webhosting-Service BigStep und mehrere Konkurrenten eine Milliarde Dollar aufgewendet, um diesen Markt anzusprechen. Einige der Anstrengungen scheiterten an einer Überdosis Geld, aber alle richteten sie sich an einen Markt, der noch nicht reif war. "90 Prozent unserer Kunden verwendeten Einwahlleitungen fürs Internet", erinnert sich BigStep-Gründer Andrew Beebe. Nur wenige Firmen hatten Erfahrungen mit PCs und ihre Kunden waren gleichfalls offline.

Heute hat sich das geändert. Breitband ist vor allem bei Firmen Standard, und viele Konsumenten sind inzwischen online. Man kann fast alles auslagern, was nicht den Firmenkern berührt. Kleine Unternehmen können die Einkaufskraft von großen entwickeln – nicht durch Beitritt zu einer speziellen Handelsplattform, sondern durch Ebay, den Büroartikler Staples und Anbieter wie Expedia, Travelocity und Orbitz.

Ebay-Welt

Kleinbetriebe, die Produkte verkaufen, haben immens von den Vorbildern Amazon und der Ebay-Plattform profitiert. 430.000 meist kleine Firmen verkaufen heute über Ebay, vor zwei Jahren waren es 150.000. Seit kurzem ermöglichen Yahoo!, Overture und Google AdWords dank Textanzeigen neben Suchergebnissen diesen Unternehmen einen riesigen, zuvor unerreichbaren Markt anzusprechen.

Auch Onlinedienste boomen. Dies ist die neueste, am schnellsten wachsende Kategorie und deckt alles vom Callcenter bis zum Outsourcer ab. Diese Onlinedienste finden vor allem in anderen, kleinen Firmen einen wachsenden Markt. Ein neues Unternehmen, AssistU.com, trainiert und platziert virtuelle Assistenten, die Services wie Buchhaltung und Verwaltung online durchführen und damit den Kleinen Outsourcing ermöglichen.

Online-Pizza

Die Nachzügler bei dieser Entwicklung sind lokale Dienstleister, die alles Mögliche von der Pizzalieferung bis zur Hauspflege anbieten. Obwohl diese Art von Firmen oft wenig mit Computern arbeitet, braucht dieser Markt nur eines, um abzuheben: effiziente örtliche Suche. Zu erwarten ist, dass Google oder sonst jemand bald ortsbezogene Suchdienste anbietet, die Informationen aus unterschiedlichsten Quellen zusammenfasst und dadurch örtlichen Anbietern einen effizienteren Markt bietet.

Der Weg ist noch lang, aber mittelfristig wird IT Kleinbetrieben größere Änderungen bringen als Konzernen. Verbesserte Kommunikation durch Internet wird die Strukturen der Märkte ebenso wie die Effizienz ihrer Teilnehmer ändern. Insgesamt werden sich wahrscheinlich kleine Firmen entwickeln, die flexibler sind, sich rascher anpassen und deren Reichweite größer wird – aber es wird gleichzeitig für jedes Kleinunternehmen auch schwerer werden, seine Konkurrenz zu überbieten. (Der Standard, Printausgabe, 24.04.2004)

Nachlese

->Der Spiegel unseres Lebens

Esther Dyson ist Herausgeberin des Technologie Newsletters Release 1.0 und Vorsitzende von EDventure Holdings.
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