Lettland, gutes und schlechtes Beispiel

30. April 2004, 12:50
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Nicht zuletzt für Österreich - Der ehemalige Austria-Kicker Ewgenij Milewski knüpft Kontakte - Nicht nur im Sport, dem das Geld fehlt - Die EM-Teilnahme ist ein Aufflackern

Wien - Wenn Österreich im Baltikum läge, wäre es Lettland. Irgendwie. Österreich bräuchte nicht die Euro 2008 gemeinsam mit der Schweiz zu organisieren, um die eigenen Kicker einmal zu einer Fußball-EM zu bringen. Denn Lettland hat die Qualifikation für die heurige EM in Portugal geschafft. „Unsere Botschafterin Elita Kuzma hat gesagt, das ist für unser Land fast so wichtig wie die Kampagne zum EU-Beitritt“, sagt Ewgenij Milewski. Er kommt aus Lettland, zu Zeiten, als das Land noch zur und der UdSSR gehörte, flüchtete er mit seiner Frau Luba nach Österreich, kurze Zeit später setzte Michael Gorbatschow Glasnost durch und Milewski wurde mit der Wiener Austria Fußballmeister.

Das war 1990 und Milewski schoss in jeder der vier letzten Partien ein Tor. Jetzt vermittelt der ehemalige Kapitän und Held des lettischen Renommiervereins Dougawa Riga (zweite Sowjet-Liga) von Wien aus Kontakte zwischen Österreich und Lettland und dem Baltikum insgesamt. „Der EU-Beitritt und die EM fallen ideal zusammen“, sagt er, „plötzlich interessieren sich alle für Lettland.“Die österreichischen Exporte gingen im Vorjahr auch wegen der übervorsichtigen Geschäftspolitik heimischer Unternehmen um mehr als 16 Prozent zurück. Das Bruttoinlandsprodukt Lettlands nahm 2003 um sieben Prozent zu, ist von einer beispielhaften Robustheit und verdankt seine Kraft hauptsäch lich der quasi explodierenden Inlandsnachfrage und dem Bausektor. Dem Baumarkt OBI half Milewski bei der Ansiedlung in Riga.

Der Fußballverband, dem Milewski vor und während der Euro 2004 als zentrale Kontakt person dient, hat die Branchen Eishockey (etliche Spieler in der NHL) und Basketball über flügelt. Statt sich über die Erfolge zu freuen, begegnen die Eishockey- und Basketballfunk tionäre den Kickern mit Neid. Und das erinnert an österreichische Verhältnisse. Milewski: „Wir haben kein Nationalstadion, alle Länderspiele finden bei Skonto Riga statt.“ Skontos Chef Guntis Indriksons ist auch Verbandspräsident und Boss des Mischkonzerns Skonto (Baufirmen, TV-Stationen, Hotels), er erhält seit zehn Jahren den Verein (Budget zwei Millionen Euro) und den lettischen Fußball praktisch im Alleingang - und erinnert natürlich ein wenig an Frank Stronach.

Der Aufschwung an Interesse und Geschäftschancen kann gar nicht groß genug sein, denn die Letten, die zu 67 Prozent für den Beitritt zur EU stimmten, sind mehrheitlich skeptisch. Milewski: „Aber wir wissen, es gibt keine Alternative.“ Lettlands oberste Liga besteht aus acht Vereinen, vor kurzem hat sich ein Klub mangels liquider Mittel verabschiedet. Der Sport lebt in Lettland ausschließlich von privatem Geld, Subventionen erhält niemand. Das Beispiel der EM-Quali stellt vielleicht das letzte Aufflackern vor einer (Sinn-)-Krise dar, so Milewski. Talente wären vorhanden, die Trainer seien lernfähig, im Gegensatz „zu den österreichischen Besserwissern“, aber es fehle einfach an Geld.

Die für 2006 geplante Eishockey-WM wackelt, nach Kompetenzstreitigkeiten wird mit dem Bau der Hallen nicht begonnen - was an die Kärntner Kabale um das Klagenfurter Stadion erinnert. Das Zentralstadion von Riga, wo er mit Dougawa zu Zeiten der UdSSR vor den Massen kickte, ist längst eine Ruine, der von der Stadt verwaltete Klub wurde nach der Befreiung aus dem UdSSR-Staatenbund aufgelöst. Milewski: „Aber wir sind ein Beispiel für andere kleine Staaten, die auch auf sich aufmerksam machen wollen. Die Esten sagten: Es tut uns Leid für euch, aber wir müssen zur WM 2006.“ (DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, Sonntag, 24., 25. April 2004, Johann Skocek)

LETTLAND

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Größe/Einwohner
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64.600 km², 2,32 Mio.
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Populärste Sportarten ------------
Eishockey, Basketball, Fußball
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Populärste Sportler
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Irbe, Osolinch (Eishockey), Bahars, Verpakovskis (Fußball), Ekmanis (Rudern), Walters, Miglinieks (Basketball)
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Größte Erfolge
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Qualifikation für die Fußball-Euro 2004 in Portugal; Olympiamedaillen im Judo, Rudern

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    Lettlands größte Stunde: Die Kicker qualifizieren sich in der Türkei für die Europameisterschaft.

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