Im Jobgewitter

30. April 2004, 11:54
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Kathrin Röggla nimmt die Wirtschaftssprache zu Protokoll

Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau und sechs ein Idiot", soll Napoleon einmal gesagt haben. Der Kaiser wäre auf den jungen Unternehmensberater in Kathrin Rögglas neuem Roman sicher stolz gewesen. Der, Hannes Bender sein Name, schläft nämlich nur drei - jedenfalls unter den verschärften Bedingungen einer Messe, auf der das Buch spielt. Nur ab und zu liegt ein Stündchen "killerschlaf" drin, denn es gilt, den "workflow" zu halten - und das nächste "kick off meeting" kommt bestimmt. Es ist die Welt des "content managements", der "mckinsey-kings", "geld-gurus" und der "start-up-bürschchen", die unter dem Druck einer vermeintlichen New Economy arbeiten, um die sich in Rögglas (1971 in Salzburg geboren) Roman wir schlafen nicht alles dreht.

Mehr als zwei Dutzend längere Interviews mit Managern, Unternehmensberatern und Leuten aus der IT-Branche hat die Autorin geführt und zu einem fiktiven Kosmos der Arbeitswelt, wie sie sich in den vergangenen 15 Jahren herauskristallisiert hat, verwoben. In wenig direkter und sehr viel indirekter Rede sowie konsequenter Kleinschreibung referiert und sampelt Röggla das Material dieser Gespräche und zeigt, was sich auf der Benutzeroberfläche des Berufslebens und auf der Harddisk der Seele ihrer Gesprächspartner eingeschrieben hat. Denn eines ist klar, an ihrer Sprache werdet ihr sie erkennen. Und die klingt so: "als berater schickst du deine sturmtruppen da rein, d.h. wir gucken uns all eure geschäftsfelder an, wirklich topdown, unterlegen alles mit zahlen, und dann gucken wir mal, ob wir neue geschäftsfelder aufreißen können oder ob wir geschäftsfelder kippen müssen, weil sie einfach nicht rentabel sind."

Derlei ist nicht neu. Max von der Grün, der Arbeiterliterat kommt einem in den Sinn, oder bekannter und aus demselben Umfeld stammend, Günter Wallraff. Mit dokumentarischen Formen wie Interview, Reportage und Protokoll versuchte man in den 60er- und 70er-Jahren, Einblick in die Realität der Produktionsprozesse zu gewinnen. Aktuellere (dokumentarische) Ansätze stammen von Alexander Kluge und Oskar Negt, und erst kürzlich rechnete Rolf Hochhuths dramatische Beschwörung "McKinsey kommt" mit unkontrollierbaren Wirtschaftsstrategen ab.

Trotzdem: So etwas wie dieses Jargonprotokoll in 33 Kurzkapiteln mit Überschriften wie "harte bwl", "privatleben" und "schmerzvermeidung" hat man lange nicht gelesen. Souverän breitet Röggla - eine Geschwindigkeitsartistin der Stils, wie die Zeit einmal schrieb - ihr Sprachmaterial vor dem Leser aus. Einzeln und in Gruppen lässt sie ihre sechs Figuren, die zwar Namen, vor allem aber Funktionen ("key account managerin", "it-supporter", "senior associate") haben, darüber reden, was ihnen durch den Kopf rumpelt. Es ist ein Leben, das vor allem Arbeit, und da wieder Loyalität, Leistungsbereitschaft und moralische Flexibilität bedeutet. Ab und zu gilt es schließlich auch ein paar Familienväter "freizusetzen".

Effizienz, Reorganisation, Restrukturierung. So geht das, zack-zack. Doch die Spezialisten, die keine mehr sind, weil sie sich angepasst haben und immer wieder anpassen werden, haben eine beschädigte Sprechweise. Dazwischen gibt es kleine Angstausbrüche, Aggressionsattacken und andere Reibungsverluste. Spaß, neudeutsch fun, ist bei dieser Gemütslage und einem 16-Stunden-Tag nicht mehr angesagt.

Die Stärke dieses Buches liegt in der Kompaktheit des sechsstimmigen Redestroms, der trotz des geschwätzigen Tonfalls der Figuren eine große Ruhe und ein Anziehungskraft entwickelt. Doch ist gerade diese Stringenz nicht unproblematisch. Im Gegensatz zu Wallraff, der forderte, "nicht gestalten, sondern die Vorkommnisse und Zustände für sich selbst sprechen lassen", geht es Röggla darum, das Material gerade durch eine bestimmte Gestaltung zum Reden zu bringen. Klar, das nennt man Literatur. Trotzdem ist hier die Fallhöhe zu gering. Rögglas posteuphorische Romangespenster sind ungefähr so, wie man sich diese Leute in natura immer vorgestellt hat. Sie geben sich pragmatisch ohne zu sehen, dass sie längst schon keine Wahl mehr haben. Mit Moral hat das wenig zu tun, und auch die Tragik hält sich in Grenzen, die liegt eher auf Seiten der "Freigesetzten".

Das Unheimliche, das Verdrängte, um das es auch geht, zu vermitteln, fehlt den Figuren die Sprache. Es kommt von außen, in Form von Hubschraubergeräuschen, panisch rennenden Menschen und einem Managerselbstmord. Die Spannung, die der Roman anfänglich aufbaut, verebbt am Schluss. Aber das ist ein Schönheitsfehler, mehr nicht. Ein wichtiges Buch. (steg, DER STANDARD, Printausgabe vom 24/25.4.2004)

  • Röggla, Kathrin
Wir schlafen nicht
Frankfurt: Fischer Verlag
    foto: buchcover

    Röggla, Kathrin
    Wir schlafen nicht
    Frankfurt: Fischer Verlag

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