Linzer Pflegeskandal weitet sich aus

23. April 2004, 21:23
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Der jetzige Misshandlungsverdacht wurde bewusst verschwiegen, so Soziallandesrat Josef Ackerl

"Strukturprobleme und mangelnde Sensibilität des Personals" - Ein Prüfbericht des Landes belastet das Seniorenheim schwer. Der jetzige Misshandlungsverdacht wurde bewusst verschwiegen, so Soziallandesrat Josef Ackerl.

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Linz - Rund um die vermeintlichen Misshandlungen von sieben Heimbewohnern in einem Linzer Seniorenheim (ein Pfleger soll Pflegebedürftigen unter anderem Würgemale und Hämatome zugefügt haben) sorgt nun ein am Donnerstag von der Heimaufsicht des Landes Oberösterreich veröffentlichter Prüfbericht für weitere brisante Details. "In dem Heim gibt es grobe strukturelle Probleme," betonte Oberösterreichs Soziallandesrat Josef Ackerl (SP) am Donnerstag in einer Pressekonferenz in Linz. Mängel auf personeller Seite, aber auch "die interne Kontrolle" haben "versagt" (Ackerl).

Schroffer Umgangston

Das Personal habe "nicht sensibel genug agiert", denn die jetzt bekannt gewordenen Vorfälle seien ja nicht "aus heiterem Himmel passiert". Bereits im Juni 2003 habe es eine Beschwerde einer Praktikantin über den "schroffen Umgangston des Pflegers mit Bewohnern" gegeben. Man habe damals vonseiten der Heimaufsicht zwar "sofort reagiert und nach einer Prüfung auch konkrete Weisungen gegeben".

"Redeverbot"

Die Pflegeleitung habe aber zu wenig auf die "augenscheinliche Überforderung reagiert". Psychologische Begleitung oder Supervisionen habe es nicht gegeben, kritisiert Ackerl. Aufgrund der "sehr mangelhaften Pflegedokumentation" seien die Misshandlungen erstmals im Dezember 2003 schriftlich erwähnt worden. Es habe dann zwar interne Gespräche gegeben, "aber keiner der Verantwortlichen hat es der Mühe wert gefunden, die Heimaufsicht von dem erneuten Verdacht zu informieren", ist Ackerl empört. Diese Geheimhaltung sei aber ganz bewusst passiert: "Wir wissen von einem Auftrag aus der Direktion der Linzer Seniorenzentren, über die Vorfälle zu schweigen und nichts an die Heimaufsicht weiterzuleiten". Dies müsse jetzt "dienstrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen", fordert Ackerl.

Kripo

"Solch eine Weisung hat es nie gegeben. Darüber hinaus haben wir rein rechtlich keine Bringschuld und müssen in Verdachtsfällen zwar die Kripo informieren, nicht aber die Heimaufsicht", kontert der Direktor der Linzer Seniorenzentren, Johann Schalk, auf Anfrage des STANDARD.

Der Prüfbericht und der "traurige Einzelfall" würden auf jeden Fall weit reichende Konsequenzen nach sich ziehen. Da die Pflegeleitung offensichtlich mit ihren Aufgaben "überfordert ist", werde man als einen ersten Schritt "hierarchische Zwischenebenen" einführen und mehr "speziell geschulte Altenpfleger statt Krankenpfleger" einstellen, so Ackerl. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe 23.4.2004)

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