Vom Klub der gedemütigten Imperien

28. April 2004, 13:58
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Symposium zu Europa einst und in Zukunft

Wien - Was macht das Besondere an Europas Geschichte aus? Ist sie in Büchern und Denkmälern gut aufgehoben, oder können wir aus ihr für die Zukunft lernen? Fragen, die, gerade angesichts der bevorstehenden Erweiterung, auch Wissenschafter zu Gedankenreisen animieren. Einige von ihnen diskutieren das Thema zurzeit auf einem Symposium der Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Stiftung und -Gesellschaft in Wien: "Das geschichtliche Erbe Europas - Historie oder Perspektive der Zukunft?"

Am Donnerstag ging es um "Dialog-, Wahrheits- und Werteorientierung" - entsprechend divergierend waren die Ausführungen. Der Physiker Herbert Pietschmann betonte die komplizierte Rolle des Christentums als einer der Wurzeln der modernen Naturwissenschaft - eine religiöse Komponente, die angesichts des in Europa wachsenden Islams genau überdacht werden solle: "Unterscheiden, ohne zu trennen."

"Management von Differenzen"

Der Verfassungsrechtler Ludwig Adamovich analysierte Chancen und Grenzen des liberalen Staates - wiederum im Wechselspiel mit der Religion und anhand der anstehenden Menschenrechts- und Toleranzfragen. Eine Lanze für die Marktwirtschaft als quasi europäischen Exportschlager brach der Münchner Wirtschaftsphilosoph Karl Homann. Klug geordnet sei sie, sei das erweiterte Europa zum "Management von Differenzen" imstande.

Am weitesten holte der Philosoph Peter Sloterdijk aus, als er das Ende einer europäischen Welt-Geschichte (als "Erfolgsphase der Rücksichtslosigkeit") diagnostizierte. Was mit dem aus Troja flüchtigen Äneas begann, setzte sich mit dem Zug über den Atlantik nach Westen fort und führte zur heutigen Geschichtsmacht USA: eine Verwandlung von Trauer in Expansion. Europa aber sei "ein Klub von gedemütigten Imperien plus zehn neuen Verlierernationen"; es bleibe ihnen die "postimperiale Weisheit".

Ein Resümee nahm Stiftungschef Bruno Redeker in seinem Grußwort vorweg, als er den Physiker und Philosophen Weizsäcker zitierte: "Menschen, die die Welt erhalten wollen, wie sie ist, sind Toren." (mf, DER STANDARD, Print, 23.4.2004)

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