Hoffnung der stillen Schläfer

29. April 2004, 20:15
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Teil 23 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Ein Grabspruch auf einem britischen Soldatenfriedhof in Bayern: "A corner on a foreign field must be for ever England."

Wer den Britischen Inseln verfallen ist, noch lang ehe er den Hund von Baskerville, Dickens und noch viel später die Canterbury Tales in die Hände bekommt, hat in der verlassenen, gänzlich unbritischen bayerischen Gegend seinen Grund gefunden, ohne aufgelaufen zu sein.

Wer könnte definieren, wo sein "for ever" liegt, ob er ihm gewachsen ist, ob er es zu schwer oder zu leicht nimmt, ob seine Existenz daran hängt, jeder Atemzug? Ins Detail zu gehen macht vom Pathos unabhängig und die Chancen greifbarer, ob gut aufgehoben oder starr und verkrümmt im Spitalsbett, wach oder narkotisiert gegen Schmerz und jede Art von Bewusstsein.

Wer sich nicht mit den Tricks absurd ausgerechneter Klassensysteme befasst, den Charityshops auf der Straße nach Todmorden, Sheffield bei Regen mit Betontürmen, kann auf dem Weg nach York bleiben. Weiter nach Norden der höchste Berg und der größte See (Windermere) und im Süden Dartmoor, Dartmouth, Dover, wo es mir gelang, drei Nächte zu verbringen und dem Irrglauben zu erliegen, dass man an Orten bleiben könne, die ihre Anziehung und ihren Ruhm der bewussten Flüchtigkeit verdanken.

Noch eine Nacht in Calais im Schatten seiner Bürger und ein french breakfast, dann zurück zum Kontinent: Dort ist es rasch Frühling geworden. "Night's candles are burnt out, and jocund day stands tiptoe on the misty mountain tops."

Wenn auch die mountains im besten Fall Wienerberg und weiter nach Westen Freinberg und Pfennigberg heißen, die Schatten und ihre Bilder ländlicher und fremder geworden sind, den "corner in the foreign field" findet man schon im Kahlenbergerdorf schwerer und selbst über Linz hinaus weiter nach Westen, wo Kapuzinerberg, Mönchsberg und Untersberg das Wechseln der Schatten bestimmen.

"For ever" sind nicht einmal Mozart und Trakl in Salzburg geblieben. "Die schöne Stadt" konnte sie nicht halten.

Noch weniger St. Marx mit den Schlachthöfen in Wien oder Innsbruck mit den nicht von jedem geliebten steilen Wänden und Aufstiegschancen. Zu rasch tendieren solche foreign fields zur Sucht, gekannt und bekannt zu werden, ihr "for ever" zu zementieren und nicht freizugeben.

Er sah mich nur an", schreibt Ludwig von Ficker über Georg Trakl, den er im Militärlazarett in Krakau besuchte, in seinem corner, seinem foreign field; es gibt andere Felder, auch das AKH in Wien kann eines sein, Instanz für Aussichtslosigkeit und Hoffnung der geduldigen, stillen Schläfer, die selbst wenn ihnen danach wäre, keinen Anspruch stellen.

Der "corner in a foreign field" muss bis zur nächsten Nachricht reichen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2004)

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