Besatzungsmacht Kunst

29. April 2004, 15:39
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Das Wiener Künstlerhaus meldet sich mit "Niemandsland" aus der sechsmonatigen Zwangspause zurück

Wien - Wie alles andere auch lässt sich der öffentliche Raum als Problem begreifen. Wie zu allem anderem auch haben Künstler und Architekten dazu wenn schon keine Lösung, dann zumindest Ideen. Und die sind dann immer wieder mehr oder weniger originell. Um das gleich vorweg irgendwie zu rechtfertigen, werden die Ideen "Diskussionsbeiträge" getauft, Anregungen.

Und angeblich - so behaupten die Kuratorinnen der Schau Niemandsland, einer Sammlung von "Modellen für den öffentlichen Raum" - sei "auch die (nicht reglementierte) Kunst aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, es gäbe einen Verlust an Kunst in Public Spaces und somit einen Verlust von deren gesellschaftlicher Bedeutung zu beklagen.

Anders gesagt: Alles ist verbaut, verhüttelt, von einander konkurrierenden Leitsystemen besetzt, durch Werbung verrammelt, von korrekt ausgeschriebener Kunst am Bau verstellt bzw. als irgendjemandes brach liegender Besitz vor dem Eindringen der Öffentlichkeit bewahrt. Dazwischen finden sich letzte Inseln von Wildwuchs - Niemandsländer, die Begehrlichkeiten wecken. Die Freunde des Unkrauts sind da noch die harmlosesten Utopisten, stehen schlimmstenfalls im Brachland herum und erfreuen sich an dessen Regellosigkeit oder dem Pioniergeist allgemein geächteter Pflanzen.

Weit bedenklicher erscheinen da schon jene Vorreiter des ungebremst Kreativen, die auch im Frieden der Wüste reiche Forschungsgründe zu beackern finden, die Peripherie missionieren wollen, nicht müde werden, täglich auf ein Neues ephemere Installationen aufzubauen, notorisch zu letzten weißen Flecken durchzudringen versuchen.

Die Schau soll in diesem fragwürdigen Sinn denn auch Künstler und Architekten, "die eine radikal avantgardistische Auffassung von Kunst vertreten" - was auch immer das sein soll -, dazu veranlassen, "das Niemandsland zu besetzen"! Und dann steht man eben fassungslos vor so Originellem wie einem Stück Niemandsland im Museum und gedenkt all der Opfer, die missionarischer Eifer quer durch die Geschichte schon gefordert hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2004)

Von Markus Mittringer

Ansichtssache

Wieder Programm im "Niemandsland"

Bis 13. Juni

  • Eine lustige Idee der Gruppe "son:DA" für den noch freien öffentlichen Raum: "220 Watt umsonst, freistrom im freiraum".
    foto: wr. künstlerhaus

    Eine lustige Idee der Gruppe "son:DA" für den noch freien öffentlichen Raum: "220 Watt umsonst, freistrom im freiraum".

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