Kopf des Tages: John Negroponte

24. April 2004, 16:22
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US-Vizekönig im Irak mit "Super-Embassy"

Nach der Nominierung von John Negroponte im Jahr 2001 zum US-Botschafter bei der UNO wurde seine Bestätigung im Senat durch den damaligen demokratischen Vorsitzenden des Außenpolitischen Ausschusses, Joseph Biden, gemeinsam mit anderen Senatoren, darunter auch John Kerry, sechs Monate lang aufgehalten. Biden ging sogar so weit, eine Untersuchung gegen den Diplomaten zu fordern.

Der Grund: Negroponte wurde vorgeworfen, während seiner Amtszeit als Botschafter in Honduras nicht nur die rechtsradikalen Contras in ihrem illegalen Kampf gegen die Regierung Nicaraguas unterstützt, sondern es auch unterlassen zu haben, Berichte über eine Serie von Menschenrechtsverletzungen nach Washington weiterzuleiten. Er wurde damals mit dem Spitznamen "Death Squad" (Todesschwadron) bedacht. Seine Bestätigung als US-Botschafter bei der UNO ging erst kurz nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 durch.

Heute erscheint diese Geschichte selbst für viele Demokraten ein alter Hut. Wichtiger ist ihnen vielmehr, wie Negroponte den Posten, für den er von Präsident George W. Bush Anfang der Woche nominiert wurde ausführen will: Sollte Negroponte als neuer Botschafter einer "Super Embassy" in Bagdad mit mehr als 3000 Angestellten bestätigt werden, tritt er damit de facto am 1. Juli die Nachfolge des derzeitigen Zivilverwalters Paul Bremer an: als amerikanischer "Vizekönig" im Irak.

John Dimitri Negroponte wurde 1939 in London geboren, wuchs jedoch in den USA auf, wo er vor seinem Eintritt in den diplomatischen Dienst auch die Yale University besuchte. Negroponte gilt als versierter Berufsdiplomat – und seine Fähigkeit, sich allseits beliebt zu machen, ist ihm auch innerhalb der Bush-Regierung von Nutzen: Seine enge Freundschaft mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hinderte Außenminister Colin Powell nicht daran, ihn sowohl für den UNO- Posten als auch den Irak vorzuschlagen.

Powell lobte ihn in seinen Memoiren: "Er hat einen Managementstil, der mir gefällt – Härte, verbunden mit einer gewissen Gelassenheit." Seine relative Unkenntnis des Irak und die völlige der Sprache, so der Historiker Edward Luck von der Columbia University, könnte ihm auch Vorteile bringen: Bis jetzt sei er mit keiner der verschiedenen Faktionen identifiziert, "vielleicht ist es ganz gut, wenn er ganz neu beginnt".

Negroponte, der mit seiner Frau Diana fünf Kinder hat, baut auf die vielen persönlichen Beziehungen, darunter auch mit UNO-Generalsekretär Kofi Annan, die er sich über die Jahre innerhalb der UNO aufgebaut hat. Annan bezeichnete ihn als "hervorragenden Fachmann, großartigen Diplomaten und wunderbaren UNO-Botschafter". (DER STANDARD, Printausgabe, 23. 4. 2004)

Von Susi Schneider
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