Ruanda: Dorfgerichte zeigen Weg zur Versöhnung

25. April 2004, 15:36
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Mit Gacacas will das Land den Genozid aufarbeiten

Natürlich brauche die nationale Versöhnung in Ruanda nach dem Völkermord vor zehn Jahren noch viel Zeit, erklärt Domitille Mukantaganzwa, doch die Ga¸ca¸cas, dieses einzigartige juristische Experiment, würden viel zur Aussöhnung beitragen. "Insgesamt arbeiten heute bereits 751 Gacacas seit der Wiedereinführung der traditionellen Dorfgerichte im Juni 2002", freut sich die Anwältin und Exekutivsekretärin der Gacaca-Rechtssprechung.

Früher wurden mit diesen traditionellen Gerichten, denen gewählte Würdenträger des Dorfes vorsitzen, Streitereien um Land und Besitz geklärt. Nun werden zur Entlastung der staatlichen Justiz und um die völlig überfüllten Gefängnisse zu entleeren geständige Straftäter des Genozids von der Dorfgemeinschaft abgeurteilt.

Diese Vorgangsweise bringe nicht nur Gerechtigkeit, sondern sei auch so etwas wie eine Gruppentherapie für Täter und Opfer, führt Mukantaganzwa aus, weil sich die‑ geständigen Täter vor der‑ Gemeinschaft entschuldigen müssten. "Einen zehnfachen Mörder können wir auch nicht zehnmal hinrichten. Die Hinterbliebenen der Opfer begreifen das." Die Gacacas seien nicht nur zur Vergangenheitsbewältigung sondern auch für den Aufbau des Staates Ruanda von entscheidender Bedeutung.

Die Angeklagten werden je nach Schwere ihrer Tat in vier Kategorien eingeteilt. Dieses Raster reicht von Planern des Genozids (Kategorie I) über Mörder (II) und Gewalttäter (III) bis zu Plünderern (IV). Vor den Gacaca-Gerichten werden nur die Kategorien II, III und IV behandelt. Die Taten der Angeklagten der Kategorie I werden von konventionellen Gerichten beurteilt. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2004)

Von
Gerhard Plott
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