"Rotes Blut auf weißem Schnee ergibt spektakuläre Bilder"

28. April 2004, 13:06
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Kanadier wehren sich gegen die Kritik am Robbenschlachten

Die populärste Zeitungsjournalistin Kanadas verteidigt die Robbenjagd im Nordosten ihres Landes vehement. "Ich stehe hinter den Robbenjägern", gestand Christie Blatchford in der kanadischen Zeitung The Globe and Mail. Mit bewegten Worten erklärte sie ihre Liebe zu jenen Kanadiern, die im Golf von St. Lawrence, vor Neufundland und Labrador innerhalb von zwei Monaten Hunderttausende von jungen Robben wegen ihres Fells schlachten.

Kanadas Regierung hat die Robbenjagd um einen Monat bis zum 15. Mai ausgedehnt, weil das erlaubte Limit von 350.000 Tieren (die höchste Quote seit mehr als 40 Jahren) von den rund 12.000 Jägern nicht ausgeschöpft war.

Tierschützer rund um die Welt protestieren gegen das Abschlachten von Sattelrobben und den selteneren Klappmützen mit Gewehren und Knüppeln. Gerade diese Proteste ärgern Blatchford. Sie fühle sonst mit Tieren, schrieb die prominente Kolumnistin und Katzenfreundin, noch mehr aber fühle sie mit ihren Landsleuten.

"Niedliche Dinger"

Rex Murphy, der offizielle Kommentator des staatlichen Fernsehens CBC, pflichtete ihr bei: Er frage sich, warum sich nicht wenigstens ein kleiner Teil der Empörung über die Robbenjagd zum Beispiel gegen den Völkermord in Ruanda gerichtet habe. "Aber sich für niedliche Dinger zu engagieren ist immer attraktiver, als gegen tatsächliche Grausamkeiten zu protestieren", kritisierte Murphy.

Viele Kanadier fühlen sich von ausländischen Medien und Tierschützern als blutrünstige Barbaren verurteilt, während auf der ganzen Welt Tiere in Schlachthöfen qualvoll verenden. Aber dies spiele sich im Verborgenen ab, sagt Steve Outhouse, Sprecher des Fischereiministeriums in Ottawa, Robbenjagd geschehe für alle sichtbar im Freien. "Rotes Blut auf weißem Schnee ergibt spektakuläre Bilder für die Medien", sagt er.

"Schwimmreflex"

Die Tierschützer behaupten, Robben würden in vielen Fällen nicht ganz getötet und dann lebendigen Leibs gehäutet. Outhouse widerspricht: Dieser Eindruck entstehe nur, weil Robben nach ihrem Tod noch kurz einen so genannten Schwimmreflex zeigten, sich also immer noch bewegten. 90 Prozent der Tiere würden heute mit Gewehren getötet, nur der Rest mit Knüppeln.

Chris Cutter, Sprecher des Internationalen Tierschutzfonds IFAW, kennt diesen Schwimmreflex. Aber er sagt, Videos seiner Organisation zeigten, dass in manchen Fällen Robben lebendig gehäutet wurden. Cutters Aussagen zufolge sind 98 Prozent der getöteten Robben weniger als drei Monate alt. Sie werden gejagt, wenn die Tiere vom Rand der Arktis in die wärmeren Packeisgebiete vor Neufundland schwimmen, um dort ihre Jungen zu gebären.

Hauptmärkte in der EU

Grausame Bilder hatten in den 80er-Jahren nach weltweiten Protesten praktisch zum Stopp der Robbenjagd in Kanada geführt. So hat Belgien den Import von Robbenprodukten verboten. Laut IFAW sind in der EU Deutschland, Dänemark und Griechenland die drei größten Direktimporteure von Robbenfellen aus Kanada und Norwegen. Die Hauptmärkte für Kanada sind Westeuropa, Russland und China.

Die Robbenjagd, die den Kanadiern jährlich mehr als zwölf Millionen Euro einträgt, fand auch in den vergangenen Jahren statt, aber es gab kaum Proteste - bis heuer, als die Fangquote extrem erhöht wurde. Das Fischereiministerium behauptet, die Robben seien keineswegs gefährdet: Es gebe derzeit einen Bestand von 5,2 Millionen gegenüber 1,8 Millionen im Jahr 1970.

Wirtschaftshilfe

Mit der Robbenjagd will die kanadische Regierung wirtschaftlich schwache Küstenregionen unterstützen. Wegen Überfischung musste die Kabeljaufischerei im Nordatlantik in den 90er-Jahren praktisch eingestellt werden. Rund 40.000 Arbeitsplätze gingen an der Ostküste verloren.

Deshalb unterstützen auch alle großen kanadischen Parteien den Robbenfang. Selbst die Grüne Partei verurteilt die Jagd nicht grundsätzlich: Sie kritisiert lediglich, dass nur das Fell und nicht auch das Fleisch der Robben genutzt werde.

In den Augen von Earle McCurdy von der Fischer-Gewerkschaft in Neufundland werden die kanadischen Robbenjäger von den Tierschutzorganisationen unfair behandelt. "Das sind Städter, die ein Vorurteil gegenüber Menschen haben, die von der Natur und vom Ozean leben", sagt der Kanadier. (DER STANDARD, Print, 23.4.2004)

Bernadette Calonego aus Vancouver
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    350.000 Robben werden heuer in Kanada von Jägern nur wegen des Fells getötet - laut Angaben des Fischerei­ministeriums 90 Prozent davon mit dem Gewehr.

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