"Tödliche Medizin: Schaffung der Herrenrasse"

25. April 2004, 13:30
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Ausstellung im Holocaust-Gedenkmuseum in Washington DC widmet sich der Beihilfe der Wissenschaft zum Massenmord

Washington - "Vermessungen" der Ohren und Nasen der Land-Bevölkerung in Deutschland werden Jahre später für individuelle "Gutachten" über die Abstammung von der "nordischen Rasse" verwertet, die Verfolgung und Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen wird pseudowissenschaftlich mit deren angeblicher "Minderwertigkeit" legitimiert. Wie Ärzte zu Mördern werden und Wissenschafter beim Massenmord Beihilfe leisten, zeigt die Ausstellung "Tödliche Medizin: Schaffung der Herrenrasse", die im Holocaust-Gedenkmuseum in Washington DC eröffnet wurde. Die Rolle von Medizinern, Anthropologen und Biologen bei Aufbau und Durchsetzung des mörderischen Rassenwahns der Nationalsozialisten wird beleuchtet, denn viele von ihnen haben sich allzu willig in die Dienste der Nationalsozialisten gestellt.

Die Erniedrigung und Entmenschlichung der Nazi-Opfer, die deren Ermordung voranging, begann zunächst mit der Zuschreibung von Minderwertigkeit gegenüber allem Nicht-Deutschen und der Darstellung von Kranken und Behinderten als Hindernis für das "gesunde deutsche Volk". So wurde schon in den 20er Jahren in Deutschland auf Propaganda-Plakaten die Fürsorge für Behinderte und Kranke als Hemmschuh für die Fortentwicklung "gesunder deutscher Familien" gezeichnet. Den psychisch Kranken würden "Paläste" gebaut, während die "fleißigen deutschen Arbeiter" in ärmlichen Behausungen wohnen müssten, lauteten die Hetzsprüche.

Katalogisierung angeblicher Rassen-Merkmale

Eindringliche Warnungen vor dem "Aussterben Deutschlands" durch die Zwei-Kinder-Familie, genaue Anordnungen zur Auswahl des Ehepartners und der Überprüfung seiner Herkunft und Gesundheit sowie die Verherrlichung der Mutterschaft sollten viele gesunde deutschstämmige Kinder sichern. Homosexuelle galten den Nationalsozialisten als minderwertig. Bereits in der Weimarer Republik führten Anthropologen akribische Vermessungen zur Katalogisierung angeblicher Rassen-Merkmale durch. Ahnen-Tafeln wurden gezeichnet und so interpretiert, dass nach dem Muster der Mendel'schen Gesetze angeblich auch schlechte Charaktereigenschaften oder kriminelles Verhalten vererbt werden könnten.

Rassenwahn als Staatsideologie

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland wurde der Rassenwahn Staatsideologie, die Theorien wurden umgesetzt und die Ärzte, Anthropologen und Biologen im Dienste des Regimes weiteten ihre Experimente aus. Psychisch Kranke, Behinderte oder sonst "Minderwertige" sollten sich nicht mehr fortpflanzen dürfen: 1934 bis 1945 wurden etwa 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Im Jänner 1940 begann die Ermordung von mehr als 70.000 psychisch Kranken und Behinderten im Rahmen des "T-4"-Programms.

In Hartheim in Oberösterreich wurde von Jänner 1940 bis Dezember 1941 18.269 Menschen getötet - mehr als in den fünf anderen Anstalten in Deutschland in diesem Zeitraum. Auch tausende Kinder fielen den Mördern im weißen Kittel zum Opfer, nach ihrem Tod wurden ihre Gehirne oft für "Forschungszwecke" präpariert.

Entscheidung über Leben oder Tod

Der Leiter der anthropologischen Abteilung des Wiener Naturhistorischen Museums, Josef Wastl, verfasste im Dienste der NS-Behörden Gutachten über die Abstammung, die für die Betroffenen zur Entscheidung über Leben oder Tod wurden. Zur Unterstützung seiner Arbeiten forderte er "Polenschädel" und "Judenschädel" an, die von den Opfern der Massenexekutionen in Polen genommen wurden. Anthropologen der Universität Wien reisten 1942 nach Tarnow, wo sie 106 jüdische Familien vermaßen und akribisch katalogisierten. 1943 waren alle Juden von Tarnow ins Vernichtungslager Belzec deportiert.

Manche Wissenschafter arbeiteten auch direkt in Vernichtungslagern wie etwa Josef Mengele, der im KZ Auschwitz seine grausamen Experimente an Zwillingen durchführte. Mengele flüchtete nach dem Krieg nach Südamerika, viele der im Dienste der Nazis stehenden Ärzte und Wissenschafter setzten jedoch ihre Karrieren weitgehend ungehindert fort. Josef Wastl wurde vom Naturhistorischen Museum wegen "Minderbelastung" pensioniert und arbeitete forthin als Gutachter.

"Die Wurzeln des Holocaust erforschen"

"Die Ausstellung soll die Wurzeln des Holocaust erforschen", erläutert Kuratorin Susan Bachrach. Die Verfolgung der Roma und Sinti, die Vernichtung von Millionen Juden und die Unterdrückung der Bevölkerung in den von den Nazis besetzten Gebieten folgten derselben Ideologie: dass diese "rassisch minderwertigen" Menschen an sich eine "biologische Bedrohung" der deutschen Volksgesundheit darstellten.

In Hinblick auf die neuen Möglichkeiten durch die Gentechnik und die Debatte über die Kosten des Gesundheitssystems solle sie auch als Warnung vor Missbrauch der Wissenschaft dienen. Das unterstrich auch der Direktor des National Institute of Health (NIH), Elias Zerhaouni, der angesichts der Gefahr der Diskriminierung durch Gentechnik und Genetik eine offene und öffentliche Debatte, auch mit Nicht-Wissenschaftern, forderte. (APA)

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    bild: holocaust-gedenkmuseum in washington dc
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