Die Macht der Götter

23. März 2005, 14:05
posten

Überirdische, Maler, mystische Orte: das moderne Mexiko folgt den Spuren der Vergangenheit.

Besonders in México City ist die sprichwörtliche Gelassenheit deutlich spürbar. Der Fatalismus der Einwohner ist Erbe der Vorfahren. Die Azteken glaubten, daß alles von den Göttern vorherbestimmt sei und man sich dem Schicksal fügen müsse. Bereitwillig halten wir es ebenso und folgen Tim, der als Tour-Guide seine Zeit in der Fremdenlegion schwer leugnen kann ("All' attack!"), zur ersten Station in der rastlosen, an Sauerstoff armen und an Geschichten so reichen Millionenstadt.

Wir finden uns am Zócalo wieder, dem weitläufigen, spiegelglatten Hauptplatz, den der Schriftsteller Carlos Fuentes einmal den "Balkon der Nation" nannte, mit der barocken Kathedrale und dem Palacio Nacional an der Frontseite, der unseren Einstieg in die Geschichte des Landes birgt. Anhand jener Wandgemälde, die Diego Rivera, in dritter Ehe mit Frieda Kahlo verheiratet, für die Galerie im Hof des Nationalpalastes schuf, verfolgen wir die Entstehung Méxicos im Rundgang.

In Erdfarben gehaltene und doch prachtvoll farbig sprechen die Murales der Arte popular eine recht klare Sprache. Tenochtitlán hieß die Hauptstadt zur Zeit ihrer Gründung durch die Azteken 1352, und gleich zu Beginn sehen wir die legendärste aller Gottheiten: Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, der Windgott, mit der Sonne auf dem Kopf für den Untergang der spanischen Kulturen. Die Murales haben leicht verständlich zu sein, um Betrachtern die Geschichte näherbringen zu können. So wie die abgebildeten Idiogramme, die im Reich Montezumas für ausgezeichnete Kommunikation sorgten - und auch heute in Méxicos U-Bahn-Stationen nicht nur Kindern den Weg weisen.

Inzwischen spüren wir bei einem Café negro dem ganz eigenen Zeitgefühl im Treiben der Stadt nach. Noch besser gelingt dies in den Abendstunden an der Plaza Garibaldi mit ihren traditionell in Schwarz und Gold herausgeputzten Mariachi-Sängern. Dorthin, wo die Götter geboren wurden, führt uns Tim anderntags. Mit dem Tempel des Quetzalcoatl beginnt die alte Straße, die Sonnen- und Mondpyramiden bilden ihre Höhepunkte. Die von den Azteken vermuteten Grabstätten in den Pyramiden gibt es nicht, so wie auch der Kalender nicht für die Ewigkeit bestimmt war. Zum Glück, denn Tim zeigt immer noch Ambitionen, uns Einblick in die Rechensystematik zu geben. Selbst die mächtigen Götter galten als irdisch. So kam es, daß Hernán Cortez, Eroberer Méxicos, bei der Ankunft mit dem verschwundenen Quetzalcoatl verwechselt wurde. Doch dieser war inzwischen den Verlockungen des berauschenden Pulque erlegen (auch wir wissen mittlerweile um die Wirkung der destillierten Variante, des Tequilas) und nach Osten ins Land der Maya weitergereist, wo er zuerst Uxmal in Besitz nahm.

Ausgangspunkt ist die alte Kolonialstadt Mérida, die sich einiges vom Flair vergangener Zeiten bewahren konnte. Im Treiben rund um die marktstandähnlichen Geschäftsnischen spürt man den Hauch verwehter Herrscherzeiten, und der Besuch von Boutiquen kann sich zu einem musealen Ausflug in Zeiten schmiedeeiserner Barbierstühle und ebenhölzerner Kurzwellenempfänger entwickeln. Der Geruch von Sisal und tropisch-feuchte Winde verstärken die koloniale Stimmung, und das nächste Etappenziel, Uxmal, raubt einem in der späten Nachmittagssonne den Atem, wenn auch nicht nur des steilen Aufstiegs wegen. Die Pyramide des Wahrsagers - wieder so eine Geschichte von einem Zwerg, der mit Hilfe der Götter gegen den König siegte und die Herrschaft übernahm - läßt inmitten üppiger Vegetation den Puuc-Stil im oberen Teil, glatt und geometrisch, lichtorange erscheinen.

Aber unser wahres Ziel liegt noch tiefer im Urwald versteckt: Chitzén Itzá, an jeder Ecke von der gefiederten Schlange bewacht. Quetzalcoatl avancierte hier in der maya-toltekischen Kultur zum Symbol des Wassers und der Fruchtbarkeit. Die mächtige Pyramide in der Mitte, "el castillo", ist ihm gewidmet. So wie an zwei Tagen im Jahr das Licht genau so auf die Stufen fällt, daß der Eindruck einer kriechenden Schlange entsteht, so scheint (nach neuesten Vermutungen) selbst das Echo der Pyramide in seiner abfallenden Tonfolge ähnlich den Ruf-Frequenzen des heiligen Vogels Quetzal zu sein. Außen ist die Pyramide neben vielem anderen wieder ein Kalender, dessen Sockel die neun Unterwelten der Maya, die Platten der Flanken die zweiundfünfzig Wochen und die Stufen die 364 Tage des indianischen Jahres verzeichnen. Innen findet sich eine zweite, konzentrische Pyramide, die den rotbemalten Jaguargott als Wache beherbergt.

Während der Regengott Chac im nördlichen Uxmal um Wasser angefleht wurde, tobt er sich in dieser Gegend in der Zeit von Mai bis November mit sintflutartigen Regenfällen aus, die Cancún teilweise unter Wasser setzen. Der berüchtigte Gott Hurican mit seinen Wirbelstürmen übte glücklicherweise Nachsicht mit uns und verschwand noch vor unserer Ankunft. Für ein Hotel in Cancún Anlaß genug, ein Transparent zu enthüllen: "Halloween Party - sorry, Mitch, you're not invited".

Doch es gibt Herrschernaturen, deren Rache offenbar eine halbe Ewigkeit überdauert - und tatsächlich schrecklich ist (ohne Details nennen zu wollen). Bei einigen Mitreisenden hatten die desinfizierenden Maßnahmen gegen Ende unserer Tour reinen Plazebo-Effekt, und andere grübelten vergeblich darüber nach, welches Vergehen ihrerseits derartige Rachegelüste Montezumas ausgelöst haben könnte. Vorfälle wie diese bringen México näher, als es angenehm ist. In Erinnerung bleiben die Götter zum Glück mit anderen Eindrücken... (Der Standard, Printausgabe)

Von Claudia Werner
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.