Gesucht ist das Europa der Gegenwart

23. April 2004, 12:04
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Die zwölf Filme im Wettbewerb um den "Crossing-Europe"-Award

Der Europäische Wettbewerb um den "Crossing-Europe"-Award ist jener jungen Generation von Filmschaffenden gewidmet, die sich mit dem Europa der Gegenwart auseinandersetzt. Das Reglement lässt - analog zu Rotterdams "Tiger Awards" - nur erste oder zweite Spielfilme zu; 2004 treten zwölf Regiearbeiten um den mit 10.000 Euro dotierten Preis an. Zu sehen sind zehn Langfilmdebüts und zwei Zweitwerke, alle in österreichische Erstaufführung.

Dealer von Benedek Fliegauf (Ungarn) verfolgt die Kreise eines ambulanten Drogenhändlers im Dickicht einer düsteren Großstadt. Siegrid Alnoy (Frankreich) zeichnet mit Elle est des nôtres / She's One of Us das Porträt einer der Gesellschaft entfremdeten Außenseiterin, die aus Sehnsucht nach Zugehörigkeit zur Mörderin wird. Motivarm tötet hingegen ein katalanische Boutiquenbesitzer im Mittelpunkt von Jaime Rosales' Serial-Killer-Film Las horas del día / The Hours of the Day.

Einer Heranwachsenden nimmt sich die Schweizerin Ursula Meier an. Im semidokumentarischen Des èpaules solides / Strong Shoulders begleitet sie eine jungen Laufsportlerin im Zwiespalt zwischen kindlicher Geborgenheitssehnsucht und erwachsenem Leistungsdenken. Teona S. Mitevska (Mazedonien) schildert in Kako ubiv svetec / How I killed a Saint die Rückkehr einer jungen Frau aus dem US-amerikanischen Exil in die zerrüttete Heimat Mazedonien, in der ihr vom Hass auf die Nato beseelter Bruder keinen größeren Wunsch hegt als endlich einen der ”Heiligen” aus dem Westen zu töten.

In der russischen Filmerzählung Koktebel / Roads to Koktebel lassen Boris Chlebnikow und Alexej Popogrebskij einen verwitweten und arbeitslosen Flugingenieur und seinen flügge werdenden Sohn den Weg ans Schwarze Meer finden. Der Traum von einem besseren Leben weit weg von der zukunftslosen Depression Sarajevos hält die Teenager Fikret und Tiki in Ljeto u zlatnoj dolini / Summer in the Golden Valley von Srdjan Vuletic (Bosnien-Herzegowina) in Bewegung und lässt sie zu Beteiligten einer Entführung werden, bei der ihnen ihre Traumfrau begegnet.

In Science Fiction erzählt Franz Müller (Deutschland) die Geschichte des glatten Motivationstrainers Marius und seines widerspenstigen Schülers Jörg, die unversehens in einem Paralleluniversum landen, in dem sich die Metaphern des Motivationstrainings ad absurdum führen. Absurd gehalten ist auch die komödiantische Annäherung von Jan Gogola Jr. an Prag Narod sobe aneb ceske more osmnacti prilivech / Situation of the Street or the 18 High Tides of the Czech Sea: Eine junge Frau eilt auf Passanten zu und drückt ihnen ein Skript zum Mitspielen im gerade entstehenden Film in die Hand; eine nur mit Turnschuhen bekleidete Person läuft auf die Karlsbrücke, unter der ein Orchester auf Booten Smetanas "Moldau" intoniert.

Mit Status Yo! unternimmt Till Hastreiter (Deutschland) einen Streifzug durch die Berliner HipHop-Szene mit ihren MC-Battles, ihrem Nachtleben und den (Liebes)Geschichten ihrer ProtagonistInnen. Ein ostdeutscher See ist der Schauplatz für den Psychothriller Unterwegs von Jan Krüger (Deutschland), in dem sich ein rätselhafter junger Mann ins Leben einer campierenden Kleinfamilie drängt.

Mit einem Attentat auf einen italienischen Politiker lässt Andrea Adriatico (Italien) Il vento, di Sera / The Wind, in the Evening beginnen. Die Schüsse verfehlen indes ihr Ziel und töten Luca, einen jungen Mann. Während die Nation den Atem anhält, zieht sein Geliebter Paolo durch die Stadt und versucht, seine ganz persönliche Trauer zu bewältigen.

Die Wettbewerbsjury setzt sich aus Jurij Meden (Filmkritiker und -kurator, Slowenien), Blanka Elekes Szentagotai (Filmpublizistin, Ungarn), Cristi Puiu (Rumänien), Sabine Derflinger (Österreich) und Zelimir Zilnik (Serbien/Montenegro) zusammen. (Festival/red)

  • "Unterwegs"
    foto: crossing europe

    "Unterwegs"

  • "Status Yo!"
    foto: crossing europe

    "Status Yo!"

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