Wer tanzt, hat Hoffnung

1. August 2003, 14:11

Kuba vier Jahrzehnte nach der Revolution: Von Knappheiten und Tanz als Opium für das Volk.

Wolfgang Schaufler

Havanna im Herbst 1998: Am Malecón, der breiten, einst prachtvollen Hafenstraße, haben sich so wie jeden Abend junge Kubaner versammelt. Zu behaupten, das Leben würde sich wieder "normalisieren", wäre allerdings bloß zynisch. Denn seit sich mit der Sowjetunion jener Handelspartner aufgelöst hat, der letztlich zu überhöhten Preisen die Revolution finanziert hat, ist in Kuba buchstäblich kein Stein auf dem anderen geblieben. Ginge es nach westlichen Baubestimmungen, müßten ganze Stadtteile Havannas abgerissen werden. So besorgt eben das Meersalz das Geschäft der Abrißbirne. Die Aushöhlung der Bausubstanz ist jedoch nur der sichtbare Teil der Katastrophe, die sich seit 1989 in Kuba ereignet. Jene, die den inneren Zusammenhalt der Kubaner bedroht, scheint nicht minder gefährlich.

Wer sich vier Jahrzehnte nach der Revolution auf die Suche nach deren Errungenschaften macht, steht vor dem Phänomen einer Gesellschaft, die sich fatalistisch ihrem Schicksal fügt. "Resolver" heißt das neue Modewort in der allgegenwärtigen Mangelwirtschaft und es bedeutet soviel wie "ein Problem lösen". Wer glaubt, als Individualtourist die Insel bereisen zu müssen, macht denn auch schnell Bekanntschaft mit dieser Kunst, improvisatorisch den Alltag zu meistern. Es beginnt damit, daß es so gut wie keinen öffentlichen Verkehr gibt. Wer sich in Havanna günstig fortbewegen will, der kann noch auf die Fahrrad-Taxis, die kubanische Variante der indischen Rikschas zurückgreifen. Aber was tun, wenn man in das Landesinnere will und nicht die siebzig US-Dollars pro Tag für ein Mietauto übrig hat?

Rein theoretisch könnte man die wichtigsten Städte auch mit dem Zug erreichen. Es gibt Fahrpläne. Und es gibt Züge. Aber ansonsten mangelt es an (fast) allem: Elektrizität, Ersatzteile, sogar die Türen fehlen mitunter. So gleicht eine Zugfahrt in Kuba einer Zeitreise. Da nur wenige Touristen diese Art der Fortbewegung nutzen, kann man sich für ein paar Stunden die Illusion einer Entdeckerromantik zusammenträumen.

Variante zwei: Man mietet in einem Touristenort ein Moped. Mit dem Tank kommt man ungefähr achtzig Kilometer. Man hat also ungefähr zwei Fahrstunden Zeit, sich Benzin zu organisieren. Als Faustregel gilt: Nie eine Tankstelle links liegen lassen. Man kann nie wissen, wann die nächste kommt. Und nicht an jeder Tankstelle bekommt man auch Benzin. Irgendwie tuckert man dann doch durch die Gegend und wähnt sich in einer überdimensionierten Postkartenlandschaft: Vierzig Meter hohe Königspalmen säumen die Straßen, es geht an Tabakfeldern vorbei, aus denen allerlei Gefieder immer wieder kreischend aufscheucht. Klischee pur. Aber nach fünf Stunden auf dem Moped läßt man sich gerne vom "Zauber der Karibik" gefangennehmen.

Wer mit dem Moped unterwegs ist, sollte die Warnungen der Kubaner vor der Dämmerung ernst nehmen. Denn erstens beginnen dann die Kühe, ihre Leiber auf dem Asphalt zu wärmen - und mit den Scheinwerfern sieht man höchstens zwanzig Meter. Zudem ist Kuba bei Nacht kein Ort für falsche Vertraulichkeiten. Und verirrte Dollarträger sind willkommene Opfer.

Manuel ist Maler. Er kann sich noch gut erinnern, wie sein Bruder ins Gefängnis gewandert ist, als er versuchte etwas "privat" zu verkaufen. Heute werden diese Initiativen sogar unterstützt. Und Manuel kann sich mehr leisten als so mancher Arzt. "Es geht uns", sagt er, "besser als noch vor fünf Jahren. Seitdem wir Dollar besitzen dürfen, geht aber auch ein Riß durch die Gesellschaft. Weniger am Land, denn da kann man ja ohnehin nichts kaufen. In Havanna aber teilt der Dollar die Menschen in zwei Klassen."

Ernesto hat Flöte studiert. Jetzt vermittelt er Touristen an Restaurants. Sein Arbeitsplatz sind die Hotelhallen. Er arbeitet auf Provisionsbasis. Das Trinkgeld der Touristen macht mehr als die Hälfte seines Einkommens aus, von dem er wiederum zwanzig Prozent an die Hotelbediensteten abliefern muß. Doch für diese ist sein Salär nur nebensächlich. Wirklich gut verdienen sie, wenn ein Tourist eine "Reiterin" (so nennt der Volksmund die Prostituierten) auf das Zimmer mitnehmen will. Die quasi offizielle Bestechungsgebühr beträgt zehn Dollar.

Ernesto will über andere Themen sprechen. Im Palacio de la Salsa etwa spielt heute ein Freund von ihm. Es wird eine schweißtreibende Nacht. Der Tourist verfällt ins Grübeln, ob nicht der Tanz das eigentliche Opium für das Volk ist. Doch da schüttelt ihn Ernesto mit Nachdruck aus seiner Versunkenheit: "Nachdenken kannst du auch am Tag. In der Nacht mußt du dich bewegen, sonst krepierst du auf dieser Insel."

© DER STANDARD, 2./3. Jänner 1999 Automatically processed by COMLAB NewsBench

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