Silicon Tundra

23. Mai 2005, 14:39
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Dick belegte Wurstbrote, Handys aus Holz und ein Hang zum Ausgeflippten zeichnen die finnische Hauptstadt Helsinki aus

Streng und zeichnerisch tauchen die Stahlgerüste des spektakulären, transparenten Sanoma House auf. Gleich dahinter klotzt die sensationelle Architektur des Museumsbaus "Kiasma" unter dem offenen nordischen Himmel. An moderner Architektur hat die Tundren-Metropole Reichhaltiges zu bieten. Licht ist das gravierendste Naturelement im Norden, heißt es. Im Winter macht es sich rar, im Sommer ist es im Überfluss vorhanden, zeichnet ewig lange Schatten und funkelt an den Wodkagläsern des trendigen Kiasma-Cafés, einem beliebten Ort für hochsommerliche Mitternacht-Drinks.

Dass die Finnen bei aller Melancholie auch die offene Art der Begegnung schätzen, daran erinnert die Szenerie schräg vis-à-vis vom Kiasma-Platz: Kameraleute des ersten wirklich öffentlichen Fernsehstudios MTV3 drehen hier gerade ein Live-Interview. Und zwar direkt am Gehsteig, mit freiem Blick auf die hinter großen Glasscheiben platzierten Studiotechniker, die sich in den freien Sendeminuten draußen am Grill Bratwürste auflegen. Medientransparenz auf finnisch. Lasipalatsi heißt das 1998 renovierte Gebäude aus den 30er-Jahren, in dem neben dem "Open TV-Studio" auch Internet-Cafés und Surfplätze für eine elektronische Bibliothek untergebracht sind.

Die Eerinkatu-Straße hinauf

Wem das eine Nummer zu virtuell ist, der braucht nur ums Eck zu schlurfen, die Eerinkatu-Straße hinauf, und in die Bar Moskva einfallen. Die gehört den Kult-Regisseur-Brüdern Kaurismäki und sieht ganz danach aus: Triste Stimmung, dicke belegte Wurstbrote, eine Kellnerin mit russischem Stacheldraht-Charme. Kein Wunder, dass sich Kaurismäkis Lieblingsschauspieler Matti Pellonpää hier Zeit seines melancholischen Lebens wohl fühlte. Die nahe Traktor-Bar "Zetor" und die daneben gelegene einzige Saunabar der Welt waren Herrn Matti wohl einen Bierhauch zu trendy.

Doch egal ob man im "Moskva" ins Bierglas starrt oder im "Lasipalatsi" aufs legere Studio-Geschehen - übersehen lässt sich der Hang zum Ausgeflippten, das aus den Tiefen des finnischen Bauches heraus kommt, ohnehin kaum. Mühelos ließe sich ein dichtes Netz weben, geknüpft aus vielen anderen Kauzigkeiten dieser nordöstlichen Ecke Europas. Die spitzen Schuhe und Frisuren der Leningrad Cowboys drängen ins Bild. Wohl auch die zwischen schütteren Birken und Rentieren enthusiastisch zelebrierte Begeisterung für den finnischen Tango - den einzig echten, sagen die Finnen. Und nicht zu vergessen, die ergreifende Art besonders traurig ins Bierglas zu schauen. Am schönsten im mitternächtlichen Dämmerlicht, und am Tresen eines neonbeleuchteten vorstädtischen Kioski, wie diese einsamen Fleischpiroggenbuden am asphaltierten Rande der Tundra heißen. All das mag mit langen Nächten in langen Wintern und einem Übermaß an dünn besiedelter Landschaft zu tun haben, einem idealen Terrain fürs Züchten von introvertierten Spleens. Oder mit dem Misstrauen der Finnen vor Small Talk, der erst dank der distanzierenden Hilfe von Nokia erlernt wurde, und nun die neue Straßenbahnlinie 10 ungeliebt macht. Das Problem mit der 10er Tram: Sie hat gegenüberliegende Sitze. Finnen können so etwas nicht ausstehen.

Die Stadr boomt

Dennoch hat man in Helsinki heute weniger Grund für Schüchternheit denn je. Die Stadt boomt, und wird - etwa in Design- und Architekturkreisen - als europäisches Wunder gefeiert. Wer's nicht glaubt, schaut am besten an der eleganten Pohjois-Esplanadi und dort im Szene-Lokal "Pravda" vorbei. Innovative Hi-Tech-Wandpaneele dämmen den Lärm dort im Stile längst vergessener Partykeller-Schallschutz-Eierkartons. Wer etwas auf sich hält, taucht am besten im schräg gegenüber erstandenen Hemd auf - Marimekkos frech-frische Streifenhemden, die Europa bereits in den frühen Sixties in einen lässigen Streifen-T-Shirt-Taumel stürzten, kommen auch heute noch gut an. Das Epizentrum dieses ansteckenden Finnen-Hochs findet sich hingegen einige Kilometer außerhalb der historischen Altstadt, und erfreut sich sogar eines eigenen, offiziellen Verkehrs-Wegweisers: Nokia House. Akkurat neu gepflanzte grüne Tannenwipfelchen sprießen hier aus den suburbanen Bleicherdeböden der Tundra empor, Bonsai auf finnisch.

Dahinter glänzt der aus 26.000 Scheiben montierte Glaspalast der neuen Ära, eines von mehreren Nokia-Gebäuden in und um Helsinki, vor deren Energie sparenden Glashäuten Taxis im Sekundentakt anfahren, stoppen, in die Stadt retour rollen, und dabei Passagiere aus aller Welt ausspucken, aufpicken. Japanische Konzernbosse, Studenten und neugierige Besucher aus aller Welt geben sich hier, im administrativen Zentrum, die Klinke in die Hand. Ohne der richtigen Chipkarte bleibt das Foyer freilich die Endstation der großen Nokia-Show. Hinter den blaugrau getönten Glasscheiben taucht ein Stück Finnland wie aus dem Bilderbuch auf: Glatte Seefläche, eine steinige Insel, Kiefern sowieso.

Im Herz des Global Village

"Der kommerzielle Erfolg von Nokia prägt das Selbstvertrauen einer ganzen Generation" sagt auch Outi Raatikainen, die Pressesprecherin vom finnischen Design Forum. Tatsächlich beflügelte die technologische Revolution im Kommunikationsbereich und in den neuen Medien das skandinavische Land. Plötzlich rückte Finnland von der ungünstigen Randlage am Ende Europas ins Herz des Global Village, durfte dabei stolz sein auf Bill Gates' Sargnagel Linus Torvalds, den Linux-Mann. So etwas motiviert sogar die Zunft der Holzschnitzer. Hölzerne Souvenir-Handys gehen heute am kleinen Hafen Hietalahti, dem traditionellen Treffpunkt aller Helsinki-Touristen, besonders gut. Am schönsten gelangt man mit der Straßenbahnlinie Nr. 6 hierher. Vorbei am 1919 fertig gestellten Jugendstilbahnhof. Vorbei auch an den vielen Art-déco-Gebäuden der Prachtstraße Bulevardi, und quer über die weiten Plätze einer Stadt, die samt ihren weißen Birken immer so aussieht, als ob sie gerade frisch gebügelt wäre. Die beste Fischsuppe der Welt im Lokal Merimakasiini wäre an der Endstation eine Alternative zum Holzhandy-Kauf. Small Talk mit ausgestopften Rentieren und dicken Möwen übers morgige Wetter eine andere. (Der Standard/rondo/23/04/2004)

Von Robert Haidinger

Info

Finnische Zentrale für Tourismus: Lessingstr. 5,
D-60325 Frankfurt,
Tel.: (0049) 069-719 19 80
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    Vom Hafen aus

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