Französische Exzentrik und US-Gitarren

29. April 2004, 15:37
1 Posting

Neue Alben von Jane Birkin, The Von Bondies, Modest Mouse und Red 33

JANE BIRKIN
Rendez-vous

(EMI)
Die große alte Dame des pornographischen Stöhn-, Ächz- und Seufz-Pop hat sich für ihr neues Album nicht nur Etienne Daho, den französischen David Bowie, ins Studio geladen oder Kollegin Francoise Hardy. Diese ganz dem Duett gewidmete CD beinhaltet auch das wunderbare Zusammentreffen von Birkin und Bryan Ferry. Gemeinsam interpretieren sie In Every Dream Home a Heartache, den definitiv besten Roxy Music-Song ever, in einer auch musikalisch überzeugenden, dunklen, düsteren Elektro-Rock-Fassung. In diese Richtung wurde das ganze Album produziert. Der Rest fällt allerdings gegenüber der nach Jane Birkin/Serge Gainsbourg höchstmöglichen Dekadenzstufe Jane Birkin/Bryan Ferry naturgemäß etwas ab - obwohl noch Kapazunder wie Paolo Conte, Brian Molko von Placebo, Caetano Veloso oder Manu Chao auftauchen.

THE VON BONDIES
Pawn Shoppe Heart

(Warner)
Das Quartett aus Detroit war zuletzt in den Medien vor allem aus einem Grund präsent. Sänger Jason Stollsteimer bekam von Jack White von den musikalisch ungleich interessanteren WhiteStripes mit der Faust einen Rallye-Streifen quer über Augen und Nase gezogen. Dafür markiert Stollsteimer jetzt auf dem neuen Album mit quäkender Stimme den wilden Maxi und will Iggy & The Stooges und seit mindestens 30 Jahren immer wieder von Jungspunden nachgestellten, weitgehend ohne eigene Songideen auskommenden Garagen-Rock und Sixties-Punk als das neue Ding verkaufen. Das können die schwedischen The Hives derzeit definitiv besser (angezogen). Wünschen wir den Von Bondies noch zwei, drei Titelblätter in der britischen Musikpresse. Auf dem Kontinent wird das keinen Menschen außer den Franzosen interessieren: "Röck en Röll!"

MODEST MOUSE
Good News For People Who Love Bad News

(Sony)
Das US-Trio grundelt trotz beständig von Album zu Album hervorragender Kritiken noch immer im Underground herum. Möglicherweise wird auch dieses neue Meisterwerk daran nichts ändern, aber nur dass es einmal gesagt ist: Nicht nur, dass Modest Mouse um Sänger und Gitarrist Isaac Brock andere artverwandte Gitarrenbands wie Mercury Rev, Built To Spill oder die Flaming Lips (mit Ausnahme des genialen '99er-Albums The Soft bulletin) in ihrer stilistischen Breite weit hinter sich lassen. Mit Gästen wie besagten Flaming Lips, Dave Fridman von Mercury Rev und der Dirty Dozen Brass Band ist hier zwischen epischen Breitwand-Hymnen, Hommagen an Tom Waits, Rumpel-Punk und Kinderlied-College-Rock so einiges möglich. Tolle Sache!

RED 33

(Universal)
Der französische Exzentriker hat vor drei Jahren Leonard Cohens Album Songs From A Room zur Gänze und sperrig im Sinne von knarzigem Electro-Folk gecovert. Hier bewegt er sich mit Gästen wie Gitarrist Noel Akchoté im Bandformat auf die Spuren des Blues, Folk und Country und bricht die vorgegebenen flächigen Stilschablonen mit elektronischen Sperrmüll-Sounds. Wer die Knödelstimme und die Ausflüge des Pere Ubu-Sängers David Thomas in den hybriden Endzeit-Folk schätzt, etwa auf Sound Of The Sand aus 1981, der ist hier auch gut aufgehoben. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2004)

Von
Christian Schachinger
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Jane Birkin

Share if you care.