"Kill Bill: Vol. 2": Die Ausgespuckten und die Toten

26. März 2005, 23:01
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Coole Herrschaften: David Carradine und Michael Madsen, die Bösewichte aus "Kill Bill: Vol. 2", im Interview

Eine Galapremiere von Quentin Tarantinos "Kill Bill: Vol. 2" krönte das Fest zum 5. Geburtstag der STANDARD-Beilage RONDO - und war Anlass für ein Gespräch mit zwei ziemlich coolen Herrschaften. Dominik Kamalzadeh traf die Bösewichte David Carradine und Michael Madsen.


STANDARD: Mr. Carradine, Sie waren ein Wunschkandidat Tarantinos, während Sie, Mr. Madsen, eigentlich schon zu seinem Ensemble gehören?

David Carradine: Ja, Quentin heuerte mich für mein mystisches Kung Fu an. Er liebt Martial Arts, und er weiß darüber wohl einiges mehr als ich. Ich habe ja gar nicht so viel davon gesehen. Bei den Kampfszenen versucht er authentisch zu sein, zugleich bricht er diese immer wieder komödiantisch auf. Allerdings hat Uma Thurman den aktiven Teil, ich hatte nur viel zu sprechen. Ein wenig war ich darüber schon überrascht, aber man wollte mich eben als Schauspieler. Quentin hat die Rolle ja für mich geschrieben.

Michael Madsen: Ich hätte ursprünglich einen Typen namens Mr. Barrel spielen sollen. Er sollte eine Maske auf einem Stock haben, und mit der anderen Hand hätte er sein Schwert gehalten. Er hätte nur eine einzige Szene im Film, in Peking, gehabt. Zum Glück bekam ich eine längere Rolle.

STANDARD: Budd ist ja ein würdiger Nachfolger von Mr. Blonde aus "Reservoir Dogs".

Madsen: Budd hat zumindest ein Maß mehr an Gewissen. Man kann schon sagen, dass Mr. Blonde ein eher eindimensionaler, ziemlich gestörter Charakter war. Er hat vor lauter Wut ständig seinen Kopf verloren. Ich glaube, dass Budd da doch ein wenig sympathischer ist. Es bleibt zwar offen, warum er sich dafür entschieden hat, in Pension zu gehen und in der Wüste in einem Trailer zu leben. Es hat aber wohl etwas mit Einsamkeit zu tun.

STANDARD: Bill und Budd sind Brüder mit einem angespannten Verhältnis. Warum?

Carradine: Ich bin zu der Ansicht gelangt, dass wir beide einmal Geliebte von Elle Driver waren - und sie daher zwischen uns geraten ist. Das ist eine Theorie. Aber vielleicht war Bill auch nur enttäuscht, dass sich Budd zurückgezogen hat.

Madsen: Ja, er präsentiert sich als ein Verlierer; zugleich hat er jedoch sein Schwert aufbewahrt, obwohl er behauptet, dass er es verkauft hat. Das heißt wohl, dass er es darauf anlegt, Menschen den Eindruck zu geben, er sei verloren; ein Eindruck, hinter dem er sich verstecken kann. Aber er hält es in Reserve.

STANDARD: Sie haben beide ihre großen Auftritte erst in "Kill Bill: Vol. 2". Wie haben Sie darauf reagiert, als Sie erfahren haben, dass es zwei Filme geben wird?

Madsen: Ehrlich gesagt, ich dachte zuerst, das sei ein Witz. Es war ein Nachmittag am Set, Quentin kam, lachte hysterisch. Ich fragte ihn, was denn so komisch sei. Und Quentin sagte: "Michael, Du wirst es nicht glauben, was die Leute von Miramax vorgeschlagen haben. Sie wollen Kill Bill in zwei Teile schneiden!" Als es damit ernster wurde, wollte er den Film kürzen, und ich fragte ihn, welchen Teil. Ich dachte natürlich: Mich. Das ist das Ende von Budd.

Er ging dann auf und ab, wie es seine Art ist. Da wusste ich, oh mein Gott, er macht aus dem Film zwei - obwohl das den ganzen Zeitplan über den Haufen wirft. Nach dem Filmstart haben mich Freunde angerufen und gesagt: Hey, ich hab Kill Bill gesehen, aber du kamst nicht vor ...

Carradine: Ich habe es zuerst am Parkplatz erfahren, wo Quentin mir sagte, es gebe da diese großartige Idee von Harvey Weinstein, den Film zu teilen. Zwei Exploitation-Filme! Ich dachte: Großartig. Als ich dann später erfuhr, dass ich erstem Teil nicht zu sehen bin, war das für den Moment ein ziemlicher Schock.

STANDARD: Dafür ist der zweite Teil ja mehr auf klassisches Schauspiel angewiesen.

Carradine: Ja, obwohl ich Kill Bill immer noch als einen Film sehe. Wenn man ich ganzer Länge zeigt, würden die Zuseher überwältigt sein. Was man etwa nicht erwarten hätte, ist, dass es ein sentimentales Ende gibt. Quentin hat uns damit alle überrascht. Am Schluss ist es doch ein gottverdammter Tearjerker. Und ich habe ja zumindest den ersten Satz im ersten Teil und den letzten im zweiten.

Madsen: Es war immer klar, dass der zweite Teil mehr von den Figuren ausgeht. Quentin wollte keinen großen Actionfilm von Anfang bis Ende machen. Da wäre ja jeder eingeschlafen. Früher oder später verlangt das Publikum nach einer Geschichte. Dennoch: Die Gewalt ist cool, weil Quentins Inszenierung sie überhöht, sie zum ästhetischen Genuss werden lässt. Er macht es zu einem sinnlichen Vergnügen, ihr zuzusehen.

STANDARD: Was ist für Sie das Besondere an Tarantino? Was macht es so verlockend, mit ihm zu arbeiten?

Carradine: Ich halte Quentin einfach für den besten Regisseur. Er ist allen anderen überlegen. Er steht auf ihren Schultern, weil er alle ihre Filme gesehen und analysiert hat. Insofern ist es ihm möglich, jede Technik auch umzusetzen. In Kill Bill hat er etwas von David Lean - diesen weiten Raum, diese epische Entfaltung. Und diese Schönheit, trotz aller Witze.

Madsen: Im Vergleich zu Reservoir Dogs hatte Quentin viel mehr Zeit, und das Budget war größer - er hat es trotzdem überschritten. Aber wer streitet sich schon mit ihm? Als sie das Material gesehen haben, werden die Leute von Miramax kaum gesagt haben: Versuch dich doch ein wenig zu beeilen! Quentin weiß, was er tut: Er ist nicht leichtsinnig. Jemandem viel Geld zu geben, auf die Gefahr hin, dass er es einfach vergeigt - das ist etwas ganz anderes. Dann hat man ja auch keine Zukunft mehr. Quentins Spielzeuge sind größer geworden - der ganze filmische Apparat, die Mittel für die Postproduktion etc. Er hatte eine verdammt große Bühne!

STANDARD: Es gibt in "Kill Bill: Vol. 2" für Sie beide als Bösewichte ja besondere Herausforderungen.

Madsen: Nun, Quentin schätzt sehr realistische Sachen: Er will sich da gar nichts neu überlegen. Uma und ich haben etwa wirklich aufeinander gespuckt. Wir hatten beide den Mund voller Blut. Sie lag am Boden, spuckte in mein Gesicht. Und ich spuckte zurück. Wobei ich sie einmal gar nicht sehen konnte, aufgrund der Position der Kamera. Also legte sich Quentin auf den Boden und spuckte selbst. Und ich versuchte, ihn mit dem Kautabak zu treffen. Das war schwierig. Und die Szene, wo die "Braut" lebendig begraben wird: Eine schreckliche Sache. Obwohl, ich habe da diesen Freund in Texas ...

Carradine: Ich mochte die Superman-Rede, die ich mit Quentin in Peking kreiert habe. Wir gingen in eine Zigarrenbar, sprachen drei Stunden über alles mögliche, auch über Comic-Books. Als wir auf Superhelden kamen, entwickelte sich dann dieser Dialog über Superman, den einzigen Superhelden, der schon als solcher geboren wird und dem sein Alter Ego als Mensch nur als Schutz dient. Und die Schlussszene, die Quentin überraschend anders gestaltet hat: Man setzte mich an einen Tisch - der große Showdown kam jedoch nicht. Ich mochte diese Todesszene. Ich bin in meiner Karriere 76 Tode gestorben, doch noch nie so. Noch nie wie ein alte, morsche Eiche. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2004)

  • David Carradine und Michael Madsen
    foto: buena vista

    David Carradine und Michael Madsen

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