Olympisches Feuerzeug

9. Juni 2004, 14:27
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Sogar für die Fackel, die das olympische Feuer um den Erdball transportiert, gelten Anforderungen des Industrie-Designs. Vor allem sollte sie vor dem Erlöschen gefeit sein

Ehrensache, dass der griechische Olympionike und Speerwerfer Gatsioudis die 305 Euro für das brennende Olivenblatt hinblättern wird, das er diesen März durch die Gassen des antiken Olympia trug. Auch der russische Schwimm-Olympiasieger Alexander Popow, dem er die Partyleuchte nach einigen Kilometern in die Flosse drückte, wird sich nicht lumpen lassen und das Fabrikat diesen Sommer vermutlich erstehen. Und so wird es wohl weitergehen: von Hand zu Hand, von Kontinent zu Kontinent, wobei die Olympische Fackel in Fackelträgerkreisen ein echter Seller zu werden verspricht.

Spricht man mit Andreas Varotsos, dem Designer der jüngsten Olympiafackel, über seinen bislang bekanntesten Entwurf, so wird auf Anhieb klar, dass es sich dabei um ein echtes Stück Industriedesign handelt. Dem sakral anmutenden Umfeld seiner Markteinführung, dem Tross der weiß geschürzten "Hohe Priesterinnen", der archaischen Art des Entzündens der Fackel mittels Parabolspiegel und original griechischen Sonnenstrahlen sowie der Beschwörung des Sonnengottes Apoll zum Trotz. "Benutzerfreundlich sollte der Entwurf durchaus ausfallen", sagt Varotsos. Überdies gab es auch sehr konkrete Anforderungen: Zum Beispiel muss die weit reisende Fackel bei klimatischen Bedingungen zwischen minus sechs und plus 45 Grad Celsius funktionieren. Letzteres ergibt sich aus dem Umstand, dass, dem menschlichen Rekordstreben gemäß, auch die Wege der olympischen Flamme immer länger werden, wobei man der Peinlichkeit des Erlöschens vor allem als Produktdesigner nach Möglichkeit vorbauen will.

Fünf Kontinente und 78.000 Kilometer wird die Weltreise umfassen, das Feuer dabei erstmals auch nach Afrika und Südamerika kommen. Ein spießendes, rutschiges, womöglich auch noch schlecht ausbalanciertes Ding, bei dem man Muskelkrämpfe bekommt, stand Varotsos, dessen Entwurf von dreizehn eingereichten Arbeiten ausgewählt wurde, aber ohnehin nicht im Sinn. Darauf verweist bereits ein Blick auf die erste Phase des Entwurfs. Mit derselben Leichtigkeit, mit der ein Grashalm Beton sprengt, scheint Varotsos Fackel aus dem Boden zu wachsen, lediglich der Logik und Rundung natürlicher Schöpfung verpflichtet. Und auch die spätere Umsetzung dieser Entwurfsskizzen in Holz und Aluminium vermag es, die innewohnende Balance des aufschießenden Pflanzenteils zu bewahren. Eine Fackel, die man gerne in die Hand nimmt, ist daraus geworden: 68 Zentimeter hoch, 700 Gramm leicht, einen Gedanken breit.

Das zarte Pflänzchen, das der griechische Entwerfer zum Ausgangspunkt seiner Fackelstudie heranzog, ist ein leicht in sich gedrehtes Olivenblatt. Womit man - Tundrenkälte hin, Afrikas Hitze her - bei der eigentlichen Anforderung, die an eine jede olympischen Fackel gestellt wird, angelangt wären: Neben ein bisschen Butan-Propangemisch dominiert nämlich zu 100 Prozent der symbolische Gehalt. Varotsos fand diesen in der so positiv besetzten Kulturpflanze des Mittelmeerraums. Auch für Einfachheit und Harmonie steht die Olive. Und für jenes Idealbild, mit dem die klassische Antike so gerne überfrachtet wird: der ausgewogenen Balance zwischen Natur- und Kulturraum - ein bekanntlich ja schwer aus dem Lot geratenes Verhältnis, dem Varotsos Entwurf besonderes Augenmerk zollt.

Plumpe klassizistische Stilzitate verkneift er sich

Blickt man an dieser Stelle auf die Fackeln der vergangenen zwanzig Olympiaden, so erkennt man auf Anhieb, in welche Falle ausgerechnet der Grieche nicht tappt: Plumpe klassizistische Stilzitate verkneift er sich, wie schon manche andere vor ihm. Die Peinlichkeit von Plissee-Rillen im Stil ionischer Säulen (Atlanta 1996), die ins konservative Foyer eines Business-Hotels gepasst hätten, oder eine verschnörkelte Historienleuchte im Stile eines Ben Hur-Remakes (Seoul 1988) hat dieses olympische Licht hinter sich gelassen. Den sympathischen Geist von Harmonie und klugem Understatement vermittelt sie. (DERSTANDARD/rondo/Robert Haidinger/23/04/04)

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