Polen: Im Inneren der Pyzy

22. April 2004, 12:52
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Seit acht Jahren putzt sie unsere Wohnung und bügelt meine Hemden, aber ihre wahre Berufung ist das Kochen

Daher bin ich es schon gewohnt, am Montagabend ein fertiges Gericht mit unaussprechlichem Namen auf dem heimischen Herd zu finden. Auch wenn Frau Irene seit mehr als 20 Jahren in Wien wohnt, denkt sie, lebt sie und kocht sie natürlich polnisch.

Für eine "Kapusniak" bin ich der einzige Abnehmer, denn meine Frau und Kinder halten sich schon beim Gedanken an eine Sauerkrautsuppe die Nase zu. Doch die Mischung aus einfachen Zutaten und kräftigen Gewürzen ist köstlich und wird von Tag zu Tag besser. Auch Bigos, jene Sauerkraut- und Pilzspeise, die in Polen vor allem am Weihnachtsabend gegessen wird, bleibt meist mir. Macht Frau Irene aber "Nalesniki" (Palatschinken), dann bleiben mir nur die letzten Krümmel - und ich bekomme von meinen Kindern zu hören, dass dies viel besser schmeckt als die von mir am Sonntagmorgen produzierten amerikanischen Pancakes.

Sie hat Kochen von ihrer Mutter und vor allem ihrer Tante gelernt, die einst Chefköchin in einem großen Hotel in Krakau war. In den Jahren der KP-Herrschaft war Kochen eine der Möglichkeiten, die nationale Identität zu bewahren, und die kommunistische Mangelwirtschaft passte gut zur polnische Fähigkeit, aus dem Wenigen das Beste zu machen. Kraut, Kartoffel und Pilze sind die Hauptzutaten, und kaum ist etwas Fleisch am Markt, werden die "Pyzy" (Kartoffelknödel) damit gefüllt.

Trotz russischer, deutscher, böhmischer und jiddischer Einflüsse in vielen Gerichten - immer schmeckt es polnisch: Der "Barszcz" ist anders als der Borscht eine ganz klare rote Rübensuppe. Und ein echtes "Schabowy" wird niemand mit einem Wiener Schnitzel verwechseln.

Heute wird in den schicken Restaurants in Warschau und Krakau immer öfter italienisch oder asiatisch gekocht. Aber hier in Wien hält Frau Irene die polnische Küche hoch - zu meinem Glück. Eric Frey []

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    Kapusniak

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