Frankreich weist radikale Imame aus

23. April 2004, 20:42
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Prediger empfahl Schläge für Frauen

Grundlos soll man seine Frau nicht schlagen. Aber wenn sie zum Beispiel fremdgeht, sind Schläge am Platz. "Starke Schläge", präzisierte Abdelkader Bouziane, Imam der Moschee in Vénissieux (bei Lyon), in einem Zeitungsinterview. Der Mann solle dabei nicht ins Gesicht hauen, sondern "die Beine und den Unterleib" anvisieren. "Um der Frau Angst zu machen", sei es angebracht, "stark zuzulangen". Ansonsten findet der 52-jährige Bouziane, selbst in Polygamie und mit sechzehn Kindern lebend, die Steinigung für schwere Delikte in Ordnung; In Frankreich wünscht er die Einrichtung einer islamischen Republik.

Der KP-Bürgermeister des Einwandererortes Vénissieux machte die Sache publik und schrieb an Justizminister Dominique Perben. Dieser fackelte nicht lang; er ließ Bouziane verhaften und an den Flughafen von Lyon bringen. Am Mittwoch wurde er unter Polizeieskorte in einen Linienflug nach Algier verfrachtet und in sein Ursprungsland abgeschoben.

Terroranschläge gerechtfertigt

Ein Regierungssprecher meinte, Frankreich könne "gegen die menschliche und vor allem weibliche Würde gerichtete" Aussagen genauso wenig tolerieren wie Aufrufe zu Hass und Terrorismus. Damit nahm er Bezug auf einen anderen Imam in Brest, der die Attentate von Madrid mit dem Heiligen Krieg gerechtfertigt hatte und vergangene Woche ebenfalls ausgewiesen worden war. Beide Prediger gehören der radikal-traditionalistischen Salafisten-Bewegung aus Saudi Arabien an. Sie kontrolliert ungefähr dreißig der über tausend Moscheen Frankreichs. Zwei Imame befinden sich unter Terrorismusverdacht in Haft; einer ihrer Söhne sitzt im US-Stützpunkt Guantánamo in Haft.

Im französischen Fernsehen, das derzeit an erster Stelle über diese Fälle berichtet, drücken viele Direktbetroffene ihre Sorge um die Radikalisierung einzelner Moschee-Prediger aus. So prompt die Regierung in diesen Einzelfällen reagiert, so wenig tut sie im Alltag für die breite Mehrheit der Moslems, die ihr Freitagsgebet oft in unwürdigen Bedingungen verrichten müssen - was den Extremisten ebenfalls Vorschub leistet und sie jeder Kontrolle entzieht. Das Versprechen des bis vor kurzem amtierenden Innenministers Nicolas Sarkozy, den französischen Islam "aus den Kellern und Garagen zu holen", ist bisher toter Buchstabe geblieben. (DER STANDARD, Printausgabe 22.04.2004)

Von Stefan Brändle aus Paris
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