Das Fehlen der Qualitätsträger

26. April 2004, 19:56
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Bedenkliche Regionalisierung und Anbieterschwund bei der Westdeutschen Kunstmesse Köln

Das erweiterte Umfeld der Westdeutschen Kunstmesse Köln täuscht: Die parallelen Veranstaltungen KunstKöln, Antiquariatsmesse und erstmals Exponatec machen die bedenkliche Regionalisierung und den Anbieterschwund nicht wett.


Köln - Fast scheint die Prachtsonderschau mit 70 erlesendsten Stücken afrikanischer Kunst aus sieben Kölner Privatsammlungen vom Angebot der 35. Westdeutschen Kunstmesse Köln (WKM) ablenken zu wollen.

Sogar einen edlen Sonderkatalog (29 Euro) leistet man sich. Noch besser: Das Ganze wird kuratiert von Werner Schmalenbach, Afrika-Experte und legendärer Gründungsdirektor der Düsseldorfer Kunstsammlung, "assistiert" vom Düsseldorfer Topgaleristen Henricus Simonis.

Ob es sich beim Ausgestellten überwiegend um Simonis-Verkäufe handelt, sei dahingestellt. Zumindest zwei Düsseldorfer in Köln. Immerhin. Simonis, jahrelang recht erzürnt, hat mit Köln seinen Frieden gemacht. Der Grund ist denn doch kommerzieller Natur.

Auf der für ihn wirtschaftlich fraglos lohnenderen Art Cologne im Herbst ist die afrikanische Kunst wieder zugelassen. Gerard Goodrow, dem neuen Kunstverantwortlichen der MesseKöln, sei Dank. Auf der "Westdeutschen" gibt's für Goodrow indes zukünftig noch einiges zu tun, Wirtschaftskrise hin oder her. Eine neu zu konzipierende Kompaktveranstaltung aus WKM, zeitgenössischer KunstKöln und Antiquariatsmesse ist jedenfalls in Arbeit. Unter den 95 Anbietern (20 weniger als 2003) befindet nur noch eine Hand voll ausländischer Teilnehmer.

Das Wegbleiben etlicher Möbelanbieter schmerzt besonders. Auch das ehemals dominierende Gemäldeangebot des 19. Jahrhunderts scheint schwindsüchtig. Diese Messe ist überschaubarer geworden, fraglos zu überschaubar - mehr wäre hier tatsächlich mehr. Denn Qualitätsträger fehlen.

Hat die extreme Krisenveranstaltung des Vorjahrs noch größere Zurückhaltung ausgelöst? Da hält Britsch aus Bad Schussenried für das biedermeierliche Möbelsegment zumindest noch die Fahne hoch: Ein Empire-Schreibschrank erster Güte überzeugt trotz 98.000 Euro. Nicht minder glänzt der Barockspezialist Franke/Bamberg mit einem spätbarocken Wellensekretär, kunstvoll "à trois corps" aufgebaut.

Versteckte Topqualität ist vorhanden: Etwa bei Marcos Rivera y Mirkes aus Bonn ein Heiliger Josef mit Jesuskind von Juan Carreno de Miranda (1614-1685), dessen spärliches Werk selten den Kunstmarkt erreicht. Der Prado hat bereits an der 1,25 Mio. Euro teuren Offerte Interesse gezeigt. Daneben kleinere Formate des jüngeren Brueghel bei Franke/München.

Neben gleich bleibend gutem Jugendstilangebot und Offerten außereuropäischer Kunst nimmt die Klassische Moderne ein leichtes Messeübergewicht ein. Darunter der Düsseldorfer Ludorff mit einem museumswürdigen Poliakoff-Ensemble zwischen 50.000 und 195.000 Euro oder ein beeindruckender Henry-Moore-Torso aus weißem Marmor, der bei Westenhoff und Schwarzer 520.000 Euro zur Mitnahme erfordert.

Die zeitgleiche KunstKöln, die Antiquariatsmesse und als Neuling die Technologiemesse Exponatec (Hängung, Rahmung, Archivierung, Sicherung, Kunstvermittlung) wollen da hoffentlich nicht als Ablenkung von den Angebotslücken fungieren.

Schultz aus Berlin setzt auf der "zeitgenössischen" KunstKöln auf den neuen Kunst-Star Norbert Bisky, fast schon ein sicherer Wert, in diesem Fall mit den ersten Druckgrafiken des Künstlers (800 , 25er-Auflage). Traditionell sorgen österreichische Galerien für Qualitätsakzente im Art-brut-Bereich. Die Lithografie betreffend sind auch Arbeiten junger Kunststars wie Daniel Richter und Jonathan Meese zu entdecken. Ungarische Galerien wie Knoll aus Budapest machen erstmals mit überzeugenden Farbfeldmalereien von Ivica Kapan bekannt - für 2940 Euro erschwinglich.

Der neue, nach Möglichkeit junge Sammler mit Kaufperspektive soll gerade auf der KunstKöln zum Sammeln verführt werden. Manche Buntware kann da lehrreich, ergo abschreckend und geschmacksbildend wirken.
(DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2004)

Von
Roland Groß

  • Aus der Sonderschau "Back to the River" des Kupferstichkabinetts Berlin: Edward Ruscha "Mocha Standard", Siebdruck, 1969.
    foto: wkm

    Aus der Sonderschau "Back to the River" des Kupferstichkabinetts Berlin: Edward Ruscha "Mocha Standard", Siebdruck, 1969.

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