Gefühlte Ewigkeit

26. April 2004, 20:02
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Sänger Ian Bostridge und Pianist Live Ove Andsnes, Residenz-Künstler des Wiener Konzerthauses, im Gespräch

Eine der bedeutendsten Musik- partnerschaften der Gegenwart: Sänger Ian Bostridge und Pianist Live Ove Andsnes sind Residenz-Künstler des Konzerthauses und widmeten sich unlängst Schumann. Ein Gespräch.


Wien - "Ich hab' im Traum geweinet/ Mir träumte du lägest im Grab ..." In es-Moll (!) gesetzt, beginnt der Sänger alleine mit einer Zweitaktphrase. Fahl, kaum mehr lebendig und doch sacht hin- und her wiegend passieren die ersten Silben auf demselben Ton; bei "geWEInet", schleppt sich die Singstimme mühsam um einen Halbton nach oben, zum Ces, um wieder resignierend zum B zurückzufallen.

Das Klavier antwortet nach einer kurzen Pause, mit einem trockenen, trauermarschartigen Stakkatomotiv: tock-tock totock-tock. So pocht der leise Liebestod. Wir hören die Dichterliebe, romantische Herzeleidminiaturen von Robert Schumann. Ian Bostridge und Leif Ove Andsnes, Residenz-Künstler des Konzerthauses dieser Saison, sind an der Arbeit, und den Zuhörern stockt Atem und Herz. Bostridge singt die erste Phrase wie mit letzter Kraft und doch sehr fein und konturiert; die Zwei-Achtel-Pause vor dem ersten Klaviereinsatz dauert eine gefühlte kleine Ewigkeit.

In Andsnes Gesicht leise Verzweiflung. In seinen kurzen, präzisen Akkorden Hoffnungslosigkeit. Bei aller emotionalen Intensität, bei allem darstellerischen Charisma, bei aller Präzision in Sachen Textdeutlichkeit, Artikulation und Phrasierung von Bostridge ist es Andsnes, der abwechslungsreichere, vielfarbigere Duo-Beiträge liefert.

Der 39-jährige Bostridge singt mit enormem Krafteinsatz: Tenorale Höhenlagen erklimmt er mit reichlich Lautstärke oder im Falsett. Die Farben und Stimmungen, die wiederzugeben dem Engländer nicht möglich sind, steuert Andsnes in brillant-subtiler Weise bei. Der Norweger durchlebt den Klavierpart mit einer unbedingten emotionalen Offenheit; mit den allerersten Akkorden eines Liedes ist eine Grundstimmung präzise skizziert. Auch begleitet Andsnes nicht devot, vielmehr konzertpianistisch gleichberechtigt. Und sprechend mit jedem Ton.

Im Gespräch vor dem Konzert erweist sich Bostridge als der Redseligere. Die Konzertschiene von Andsnes wurde als "Andsnes & friends" präsentiert. Freunde? Uff, eigentlich nein, meint Bostridge, sie träfen sich nur zu Projekten; privat sähen sie sich eigentlich nie. Die Initiative für eine Zusammenarbeit wäre von ihm gekommen, erzählt Andsnes, er hätte Bostridge 1999 zu seinem Kammermusikfestival in Norwegen eingeladen.

Okay, ein bisschen hätten die Management-Leute von EMI schon mitgeholfen . . . Was sie damals gemacht hätten? Die Dichterliebe von Schumann, wie's der Zufall so will. "Ich liebe einfach jede Note von Schumann", schwärmt Andsnes, "manche behaupten, die späten Sachen wären schlechter, aber das ist ein Blödsinn. Sein 3. Klaviertrio ist unglaublich, eines der schönsten Stücke überhaupt."

Bostridge möchte in seiner Konzerthausreihe einen Querschnitt dessen zeigen, was er so macht und mag. Also wird er etwa heute mit seinem Freund, dem Komponisten Thomas Adès Janáceks "Tagebuch eines Verschollenen" aufschlagen, mit Thomas Quasthoff Brahms singen oder mit Sir Neville Marriner eine Britten-Serenade aufführen.

Wie wird man eigentlich Residenz-Künstler? "Na ja", meint Bostridge. Der Konzerthauschef "schickt einen dicken Scheck, und dann ist man's eben." Scherz beiseite: Er würde nun doch schon seit Jahren nach Wien kommen, und da hätten sich die Bindungen verfestigt, auch zum Publikum.

Das erste Mal

Überhaupt, das Publikum: so kundig! Jetzt aber echt! Man könne sich ja gar keine Vorstellung davon machen, was für einen Bammel er gehabt hätte, als er das erste Mal ihn Wien einen Liederabend gegeben hätte, meint Bostridge. Er! Als Engländer! Einen Liederabend mit deutschen Liedern! In Wien! Da wäre die Freude doppelt so groß gewesen, dass er derart enthusiastisch aufgenommen worden wäre.

Wohnen sie denn auch einmal beide ein paar Wochen in Wien, jetzt als Residenz-Künstler, um Stadt und Stadtbewohner ein bisschen besser kennen zu lernen? Nein, wird beiderseits kopfgeschüttelt, das tun sie beide nicht; das ließen reges Konzertieren (Andsnes) bzw. Familie (Bostridge) leider nicht zu.

Nach ein paar Worten über das fulminante Gastspiel des Philharmonia Orchestra London (Bostridge: "ein wunderbares Orchester!") unter Christoph von Dohnányi trollen sich die beiden Musiker vom Interviewplatz, der Bühne des Mozart-Saals, wo am Abend nach viel Liebe, Lied und Leid viel Glück und viel Applaus gewesen sein wird.
(DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2004)

Von
Stefan Ender

  • Ian Bostridge
    foto: emi

    Ian Bostridge

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