"Sorge, ob er wirklich freikommt"

22. April 2004, 19:30
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Österreicher stand in Briefkontakt mit Vanunu

„Die Furcht besteht wahrscheinlich zu Recht, dass man ihn davon abhalten wird, seine Meinung kundzutun.“ Der Wiener Friedensaktivist Ernst Schwarcz stand mehrere Jahre lang in Briefkontakt mit Mordechai Vanunu, während dieser im Gefängnis saß. Die Briefe Vanunus unterlagen natürlich der Zensur. Alle Stellen, die den israelischen Sicherheitsbehörden irgendwie verdächtig erschienen, seien herausgeschnitten gewesen, berichtet Schwarcz im Gespräch mit dem Standard. Dennoch glaube er, dass es zu einem offenen Gedankenaustausch gekommen sei.

Schwarcz hat sich lange Jahre in diversen Friedensaktivitäten engagiert, er war auch Vorsitzender des österreichischen Zweiges des Internationalen Versöhnungsbundes. „Ich bin in Sorge, ob Vanunu jetzt wirklich freikommt und ob man nicht irgendwelche Drehs finden wird, seine Freiheit zu beschränken.“ Das Verbot, mit Ausländern Kontakt aufzunehmen, deute bereits darauf hin. Die Einschätzung, dass diese Beschränkungen absurd und schikanös seien, weil Vanunu ohnedies schon alles preisgegeben habe, was er wisse, teilt Schwarcz.

Moralische Motive

Vanunu hatte seine Enthüllungen, auf die Israel mit Entführung und Verurteilung zu 18 Jahren Haft reagierte, mit moralischen Bedenken gegen das Atomprogramm begründet. Das war auch das Motiv für Schwarcz, sich für den Inhaftierten einzusetzen. Unter verstärkten moralischen Druck, was die Offenlegung seines Atomprogrammes betrifft, ist Israel in jüngster Zeit geraten. Dies vor allem als Folge der Bereitschaft des Iran, sein Nuklearprogramm von der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) kontrollieren zu lassen. Ende 2003 wurde erstmals auf einer IAEO-Generalversammlung über die Atommacht Israel diskutiert. Behördenchef Mohammed ElBaradei tritt für eine atomwaffenfreie Zone im Nahen und Mittleren Osten ein. Rechtlich hat die IAEO keine Möglichkeit, Israel zu kontrollieren. Das Land hat weder den Atomsperrvertrag von 1970 noch dessen Nachfolgeabkommen von 1995 unterschrieben. Beide Vertragswerke sowie ein Zusatzprotokoll zur Überprüfung (Erweiterung der Kontrollmöglichkeiten) regeln unter anderem die Abrüstung von nuklearen Waffensystemen sowie das Verbot der Anschaffung oder Weitergabe. (DER STANDARD, Printausgabe, 22. 4. 2004)

Von Josef Kirchengast
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