Wünschen auf Kubanisch

31. Mai 2005, 12:49
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Um Kuba abseits touristischer Trampelpfade zu entdecken braucht man vor allem amigos - Freunde.

Habana Vieja ist jener Teil der Hauptstadt, wo das Netz der amigo-de-amigos-de-amigos am dichtesten ist. Nichts geht ohne, fast alles mit Netz. Eines Abends schleppen drei Amigos einen Sack und einen Pappkarton in meine Wohnung und verkünden, es gelte, einem Freund zu helfen. Der hatte mit einem beleuchteten Auto einen unbeleuchteten Radfahrer umgefahren, war also unschuldig, aber straffähig und nun für drei Jahre im Gefängnis in Camagüey.

Einem Amigo von so vielen Amigos mußte geholfen werden. Hilfe heißt auf Kuba zuallererst: Überlebensmittel, Lebensmittel, comida. Es trifft sich, daß einer der Amigos in einer Bodega, einem staatlichen Lebensmittelladen, arbeitet, wo die staatliche Zuteilung pro Kopf erfolgt und immer etwas ab- beziehungsweise in den Sack fällt. Die Torte im Pappkarton ist Heimarbeit, Größe XXL. Aber wie reist es sich auf Kuba, abends um neun, zu dritt, mit Sack und Torte, aber ohne Auto? Fernbusse und Züge stoßen in der Regel auf ebenso erbitterten kubanischen Widerstand wie die innerstädtischen Linienbusse, die guaguas: immer unpünktlich, ständig überfüllt, keine Aircondition.

Etwas anderes kommt hinzu: Für Kubaner gibt es auf Kuba wenig Abenteuer. Für Fremde beginnt das Abenteuer Kuba beim Verlassen des Flughafens, für Kubaner begänne es mit dem Verlassen der Insel. Das staatlich organisierte Transportwesen mit Bus und Bahn, mit Reservierung und Pesoticket ist Teil des oftmals zermürbenden Normalzustands der Insel. Abenteuern läßt es sich damit nicht, wohl aber im Parallelsystem, einem 24-Stunden-Non-Stop-Beförderungsnetz auf allem, was Räder hat, für Menschen, Dinge und Tiere, quer durch die Insel und zurück.

Und obwohl heute nacht die Beförderung von Sack und Torte für einen guten Zweck auf dem Programm steht, geht es meinen Freunden auch ums Abenteuern. Wie sie zu dritt so da stehen, mit ihrer XXL-Kleidung, offenen Turnschuhen und schrägen Baseballmützen, steht ihnen der vagabondo schon ins Gesicht geschrieben. Ich will beides: nächtens vagabundieren en camión und morgens ankommen in Camagüey, wo mindestens sieben kubanische Schriftsteller ihre Spuren hinterlassen haben müßten, darunter Gertrudis Gómez de Avellaneda, die kubanische Femme fatale des 19. Jahrhunderts.

21 bis 2 Uhr: La Habana - Sancti Spíritus

An der Autobahnbrücke in Guanabacoa ist gerade noch zu erkennen, daß es 100 bis 150 andere Amigos mit bemerkenswerten Gepäckstücken ebenfalls bis zur autopista geschafft haben. Dann wird es finstere Nacht. Kaum blinkt ein Scheinwerfer zu uns her, blinken meine Freunde unmißverständlich mit Rumflasche und 10-Dollar-Note zurück. Das wirkt. Schließlich klappt es mit einem Lastwagen bis Sancti Spíritus, immerhin 400 von 600 Kilometern und sechs von sieben kubanischen Provinzen weiter östlich. Wir werden verstaut. Nur der Fahrer und ich bleiben zusammen wach. Wir reden nicht viel. Ich lausche den Bremsen, den Zylindern, dem Zwischengas. Ich gebe die Rumflasche nach links, er bietet mir aroma an, meine hochgiftige Lieblingszigarette. Über den sanften Bergen geht der Mond als sopera, als Suppenschüssel, am Himmel auf.

2 bis 4.30 Uhr: Sancti Spíritus - Ciego de Ávila

Auf der Höhe von Sancti Spíritus endet die Beschaulichkeit neben einem Autobahnkiosk. Meine Amigos putzen sich im Waschraum, schwärmen aus, sondieren unverständlich im Dunkeln. Ich nippe still am cafecito, 400 Kilometer von Havanna entfernt, nachts um Viertel nach zwei, an der Autobahn in der Provinz Sancti Spíritus und tröste mich vorerst damit, daß mich, so lange ich bei Sack und Torte bin, meine Vagabondos wieder abholen werden. Als ich weißbezogene Badewannen und schaumgekrönte Betten halluziniere, tauchen sie auf. Der Linienbus nach Ciego de Ávila hält 30 Meter davor mit laufendem Motor. Auf der Autobahn, nachts um drei. Ich steige ein und frage gar nichts.

4.30 bis 9 Uhr: Ciego de Ávila - Albaisa

Um vier Uhr dreißig kippt uns der Bus in Ciego de Ávila auf den frischgeputzten Bahnhofsvorplatz. Im Wartesaal unter grellblassem Neonlicht Menschenmassen in allen Erstarrungsposen, die die Plastiksessel hergeben. Im Kartenhäuschen kein Kartenverkäufer, dafür ein riesiges Ölbild eines hiesigen Künstlers mit Schlingpflanzen und Frauenkörpern - weit weniger beeindruckend als die Choreographie der Wartenden im nichtinszenierten, perfekten Bühnenbild. Die aroma schwinden, der Rum geht in die vorletzte Neige. Ich opfere verstohlen ein Rumpfützchen auf den Steinfußboden, lege eine aroma und ein kilo, die kleinste kubanische Münze, daneben - das vorschriftsmäßige Arrangement für Elegguá, den Oricha der Wege, Kreuzungen und Reisen. Mag sein, daß das gleiche Arrangement hinter der Wohnungstür in Havanna für die ganze Reise gilt, mag sein, daß Elegguá nach Dreiviertel der Reise auf Wiederholung besteht. Auf Kuba weiß man nie. Pünktlich um sechs kommt der für fünf stornierte Bus.

Es ist noch kühl, es geht gemächlich durch hügeliges Land gen Camagüey, es dämmert, die Mangos und Bananen leuchten aus den Bäumen. Und dann taucht sie hoch, die Sonne: steigt - inflationierter Postkartenfeuerball - über den Hügelsaum, gnadenloses Orange, das erst wärmt, dann glüht. Und mein Idyll zerrinnt in den ersten Strömen von Schweiß. Um acht stehen wir auf der Kreuzung von zwei Ausfallstraßen. Ich sehe nicht die geringste Spur von Camagüey, was sich schmerzlich aufklärt: Die drei haben im Bus erfahren, daß das Gefängnis, in das Sack und Torte müssen, nicht in Camagüey, sondern in Albaisa ist, einer reinen Gefängnisstadt, die mit Camagüey nichts zu tun hat. Es herrscht betretenes Schweigen. Langsam begreife ich: Das Reiseziel war nicht Camagüey, dessen Stadtplan unnütz in meinem Hosenbund steckt, sondern ein Gefängnis in der kubanischen Pampa, in das ich nicht hinein darf.

9 bis 11 Uhr: Albaisa

Der Warteraum auf dem Gefängnisgelände ist ungefähr so voll wie der Busbahnhof von Ciego de Ávila. Meine Amigos glätten die Haare, putzen die Zähne, ziehen Frischgewaschenes über die XXL-Sachen, packen aus, um, ein. In Millimeterscheibchen schiebt sich die Besucherschlange durch eine spaltbreit geöffnete Eisentür. Ich sehe nichts, aber ich werde gesehen. Zögernd nähert sich ein mardergroßes Pelztier mit Greifschwanz und Schaufelhänden. Unter dem sanften Blick dieses abgrundtief traurigen Gefängnistieres überfällt mich eine der größeren Kubakrisen. Es sind jetzt 27 Stunden ohne Schlaf, 15 ohne Dusche, 7 ohne Kaffee. Havanna liegt auf einem unerreichbar fernen Planeten, und Camagüey gleicht einer Luftspiegelung. Ich befinde mich an einem Ort, wo ich nie hin wollte, und werde den Ort, wo ich hin wollte, nie erreichen. Ich kaufe dem Tier eine Portion casave, Yuccabrot, und will nur noch eins: einen Direktlift zurück nach Havanna.

11 bis 19 Uhr: Albaisa - Havanna

An der Ausfallstraßenkreuzung fragen wir nach den amarillos. Die Amarillos tragen gelbe Plastikwesten und regeln in offiziellem Auftrag den Personentransport am Tage. Sie fragen die Menschenhaufen, wohin sie wollen, und die Lastwagen, wohin sie fahren. Das wird laut ausgerufen, und schon sind die Lastwagen voll. Genauso wie in "Guantanamera" von Tomás Gutiérrez Alea. Heute sind die Amarillos vor zwei Minuten vorbeigesaust. Dafür hält ein Kleinbus. Hinter der Fahrerbank stehen braungemusterte Wohnzimmersessel. Die sind für uns. Und wir überleben alles: die Kamikazefahrer, das Schweinefleisch mittags bei 50 Grad, die kubanische Marianne Rosenberg aus vier Boxen und die auf Kuba unbekannte Vokabel "aquaplaning". Bevor wir den letzten Hügel abwärts in den Hafentunnel rasen, sehen wir sie, in unfaßbaren Rosa-, Blau- und Grautönen, irdisch, strahlend schön, in voller Pracht in die Bucht geschmiegt: Havanna, lo real maravilloso.

Habana Vieja - nach den Nachrichten

Ich bin zu Hause. Die Füße stehen zwischen Eiswürfeln, Elegguá hat seinen Rum. Kein Gewitter mehr, keine Nachrichten, keine telenovela, keine Musik. Stille in meinem Hinterhof in Alt-Havanna, Ruhe in meinem Kopf. Es klopft. Später Besuch aus der Literaturgeschichte. Gertrudis de Gómez Avellaneda nimmt auf dem Sofa Platz und läßt die Tür für Nicolás Guillén, den poeta laureatus Kubas, offen. Sie schildern das alte Puerto Principe, sie plaudern von Camagüey, sie erzählen mir das über die Stadt, was ich gesucht hätte, wenn ich jemals angekommen wäre. Gerade als ich nachfragen will, verabschieden sich die camagüeyanos leise und drücken mir das eine oder andere ihrer Bücher in die Hand. Noch einmal steckt Gertrudis de Gómez Avellaneda den Kopf durch die Tür und flüstert: Reisen Sie das nächste Mal ohne Ihre Freunde, ohne Sack, ohne Torte und ohne Camión. Nehmen Sie den Zug nach Camagüey, ich hole Sie vom Bahnhof ab und zeige Ihnen die Stadt...

Einer meiner Freunde in Havanna hat mir das Wünschen auf Kubanisch beigebracht: Man stecke die erste Zigarette verkehrt herum zurück in die angebrochene Packung und rauche sie zuletzt. So hat man am Ende jeder Schachtel einen Wunsch frei. In dieser Nacht habe ich zwei erste letzte Zigaretten. Ich rauche sie beide: eine für das Reisen in Zug, Bus oder Flugzeug, mit Ziel, Reservierung und Fahrplan, und eine - für das Abenteuern en camión. (Der Standard, Printausgabe)

Renate Morell
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    Ciego de Ávila

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