Israels „zweideutige“ Abschreckung

23. April 2004, 07:26
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Bis zu 400 Atomsprengköpfe und seegestützte Zweitschlagsfähigkeit vermutet

Die offizielle israelische Politik ist die der „nuklearen Zweideutigkeit“: ein Angreifer soll im Unklaren über das Atomwaffenpotenzial und seine Einsetzbarkeit gelassen werden. Dabei ist seit Jahrzehnten bekannt, dass Israel über Kernwaffen verfügt. USGeheimdienste vermuten 200 bis 400 nukleare Sprengköpfe.

Damit wäre Israel hinter den USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich die sechstgrößte Atommacht. Als Trägersysteme dienen vermutlich Mittelstreckenraketen und Kampfbomber. Daneben wurde in jüngster Zeit offenbar eine „seegestützte Zweitschlagsfähigkeit“ geschaffen: Im vergangenen Herbst berichtete die Los Angeles Times unter Berufung auf israelische und US-Quellen, drei von Deutschland an Israel gelieferte U-Boote seien mit Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen bestückt worden.

Die israelische Atombewaffnung wurde vom Staatsgründer und ersten Premier David Ben-Gurion initiiert, aus Angst vor einer Vernichtung des jüdischen Staates durch fanatische Araber. Einer der Hauptverantwortlichen für die Umsetzung war Shimon Peres, späterer Regierungschef und Friedensnobelpreisträger.

Als Generaldirektor des Verteidigungsministeriums wurde er 1953 Israels Nummer zwei in Sicherheitsfragen. In der Suez-Krise 1956 nutzte Peres die Gunst der Stunde. Zum Dank für seine militärische Hilfe bei der Besetzung des Suezkanals durch französische und britische Truppen erhielt Israel in einem Geheimabkommen mit Frankreich Know-how für den Bau eines großen Reaktors bei Dimona in der Negev-Wüste.

Dort wurde die Produktion von atomwaffenfähigem Plutonium aufgenommen. Nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste stand Israel einmal knapp vor einem Atomwaffeneinsatz: nach dem ägyptisch-syrischen Überraschungsangriff während des Jom-Kippur-Feiertags 1973. Damals gab Regierungschefin Golda Meir Verteidigungsminister Moshe Dayan den Befehl, 13 Bomben gefechtsbereit zu machen. Dazu kam es allerdings nicht, weil die israelischen Truppen das Kriegsgeschehen zu ihren Gunsten wendeten. (jk/DER STANDARD, Printausgabe, 22. 4. 2004)

  • Lage der Atomfabrik Dimona
    grafik: der standard

    Lage der Atomfabrik Dimona

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