Der mit dem Regen kam

1. März 2005, 12:26
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Im GP von Monaco 1984 ging ein Stern auf, der zehn Jahre später in Imola vom Himmel fiel: Der Mann mit dem gel­ben Helm, Ayrton Senna

"Sicher gibt es in der Formel 1 viele Piloten, die meinen, sie hätten Senna schlagen können. Ich kann dazu nur sagen: die Ärmsten haben keine Ahnung, wie weit sie von ihm weg sind." Gerhard Berger

Hinter und über Alain Prost braute sich am 3. Juni 1984 Gewaltiges zusammen. Während nämlich das Gewitter über Monte Carlo bedrohliches Ausmaß annahm, verhießen die Signale aus der McLaren-Box Unangenehmes: Ein junger Brasilianer in einem hoffnungslos unterlegenem Boliden, dem Toleman-Hart, ignorierte den strömenden Regen, nahm dem führenden Franzosen drei Sekunden pro Runde ab. Die Rennkommissäre brachen das Rennen ab*, der fortan als "Regengott" geltende Pilot mit gelbem Helm hieß Ayrton Senna, fuhr seinen sechsten Grand Prix und war sich seiner Stärken bewußt: "Ein paar Runden noch und ich hätte ihn gehabt".

"Zwölf Stunden am Tag beschäftige ich mich mit meinem Auto, die restlichen zwölf Stunden denke ich darüber nach"
Ayrton Senna

Ein Jahr später saß Senna im Lotus-Renault und feierte im zweiten Rennen für den schwarzen Renner mit dem goldenen John Player Special-Schriftzug seinen ersten Sieg - im strömenden Regen von Estoril. "Völliger Wahnsinn, bei einem solchen Wetter zu fahren" ließ Lauda in seiner letzten Renn-Saison wissen. Senna litt zu diesem Zeitpunkt zudem unter einer mysteriösen Krank­heit, seine linke Gesichtshälfte war gelähmt. Nach drei Jahren bei Lotus wechselte er 1988 zum stärksten Team der Formel 1: McLaren.


Senna im Gespräch mit Gerhard Berger

Ayrton Sennas weitere Karriere überraschte nicht, weil sie erwartungsgemäß erfolgreich verlief. Der Brasilianer feierte 1988, 1990 und 1991 drei WM-Titel auf McLaren, pflegte als Einzelkämpfer seine mitunter handgreiflichen Feindschaften mit Nigel Mansell und Alain Prost und ließ die Konkurrenten seinen unbändigen Willen zum Sieg in zahlreichen Rad an Rad-Duellen spüren, immer auf der Suche nach Perfektion, immer am Limit.

"Meine Motivation ist die Suche nach der Perfektion, der Versuch, mich weiter zu verbessern, weiter zu lernen. Vielleicht kann man die absolute Perfektion nie erreichen, aber ihr so nahe wie möglich zu kommen, das ist mein Ziel. Wenn ich am Ende dieses Jahres noch so glücklich bin wie jetzt, dann war es ein sehr gutes Jahr."
Ayrton Senna

Umso mehr schmerzte ihn der Verlust der WM 89 als er im letzten Rennen nach einer Kollision mit Prost und anschließendem Sieg disqualifiziert wurde: "Ich vermisse in meiner Karriere einen Sieg. Ja, ich habe 1989 in Suzuka gewonnen, aber Balestre (Anm.: damals FISA-Präsident) hat mir den Sieg genommen. Ich werde das niemals vergessen." Die Revanche sollte 1990 folgen: Die Entscheidung fiel im vorletzten Rennen, wieder in Suzuka. Senna schoss Prost ab - ein Racheakt, dessen Absicht er mehr als nur durchklingen ließ.


Senna kollidiert 1989 in Suzuka mit Prost

McLaren verlor Anfang der Neunziger seine Überle­genheit und Senna bemühte sich um einen Team­wechsel zu Williams. Seine Differenzen mit Prost waren ausgeräumt**, schließlich brauchte er den Franzosen, um zu zeigen, wer der beste Renn­fahrer der Epoche war. Prost bedurfte wiederum Senna, um zu demonstrieren, dass selbst ein Fahrgenie bezwungen werden kann. Als Prost seine Karriere beendete, wurden sich Frank Williams und Senna endgültig einig.

"Als würde die Sonne vom Himmel fallen"
Gerhard Berger zu Sennas Tod

Im dritten Rennen der Saison 94 führte der Weg des Rennzirkus nach Imola, das Wochenende stand von Anfang an unter keinem guten Stern: Rubens Barrichello kam am Freitag in seinem Jordan in der Variante Bassa von der Strecke ab. Nach einem Überschlag bleibt der zertrümmerte Wagen kopfüber liegen. Barrichello ist bewußtlos, wird zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht, am Samstag wieder entlassen. Senna besucht seinen Landsmann im Spital, Barrichello schildert das Treffen später so: "Als ich ins medizinische Zentrum nach meinem Unfall kam, war das erste Gesicht, das ich sah Ayrtons, mit Tränen in seinen Augen. Ich hatte den Eindruck er empfand meinen Unfall wie einen von seinen eigenen."


Senna im Gespräch mit Rubens Barrichello nach dessen Unfall 1994 in Imola

Als der Österreicher Roland Ratzenberger am Tag darauf in Imola sein Leben ließ, begab sich Senna an die Unfallstelle, er suchte das Gespräch mit den Streckenposten, wollte verstehen. Der Automobilweltverband schickte Senna eine Abmahnung ins Haus.

"Wir wohlhabenden Menschen können nicht länger auf einer Insel in einem Ozean der Armut leben. Wir atmen alle die selbe Luft. Wir müssen allen die Möglichkeit auf Bildung, Essen und medizinische Versorgung geben."

Ayrton Senna

Am Renntag, dem 1. Mai, startet der Brasilianer aus der Pole Position. Um 14.17 Uhr fährt er mit über 300 km/h gegen die Wand der Tamburello-Kurve. Um 18.40 ist Ayrton Senna tot, nicht aber der Mythos. Und auch nicht sein Engagement für die Straßenkinder in seiner Heimat: Die Ayrton Senna-Foundation wird von Schwester Viviane geleitet und unterstützt bis heute zehnttausende mittellose Kinder in Brasilien. (Philip Bauer)


*Dieses Rennen kostete Alain Prost wahrscheinlich die WM 84, er erhielt aufgrund des Abbruchs nur die Hälfte der Punkte, nämlich 4,5 statt 9 und verlor die WM um einen halben Punkt an Teamkollegen Niki Lauda.

**Alain Prost widmete in der Wiener Staatsoper seine Auszeichnung als "Motorsportler des Jahrhunderts" Ayrton Senna.

  • Ayrton Senna da Silva
(1960-1994)

    Ayrton Senna da Silva
    (1960-1994)

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