Wachstumskaiser auf der Überholspur

11. Februar 2005, 15:39
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Deflation wird als vorübergehendes Phänomen angesehen

Vilnius/Helsinki - Die südlichste und größte der drei baltischen Republiken, Litauen, hat in den vergangenen Jahren im Vergleich zu seinen beiden nördlichen Nachbarn Lettland und Estland gewaltig aufgeholt. Im vergangenen Jahr überflügelte Litauen diese Länder beim Wirtschaftswachstum deutlich: das litauische Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg 2003 zwischen 6,5 und 7,5 Prozent - die endgültigen Zahlen liegen noch nicht vor. Litauen hat somit die höchste Wachstumsrate aller Beitrittsländer.

In den neunziger Jahren hatte Litauen lange Zeit hinter Estland und Lettland hinterher gehinkt. Wirtschaftsexperten sehen die Aufholjagd unter anderem als Resultat einer geglückten Privatisierungs- und Fiskalpolitik und begünstigt durch die zentralere geografische Lage.

Volkswirtschaftliche Rarität

Als volkswirtschaftliche Rarität im europäischen Raum sinken in Litauen die Preise. 2002 stand erstmals ein Minus vor der litauischen Inflationsrate, im vergangenen Jahr betrug die Deflation sogar 1,2 Prozent. Diese Entwicklung sehen Experten jedoch als vorübergehend an: durch den starken Dollarverfall ergeben sich Verzerrungen bei der Verrechnung der umfangreichen Ölimporte aus Russland.

Über 90 Prozent der ehemaligen Staatsbetriebe sind in Litauen bereits privatisiert. Unerwartete Probleme gab es zuletzt bei der Privatisierung der östlichen Hälfte des Stromverbundnetzes. Die Ausschreibung wurde gestoppt, bevor der Zuschlag an das staatliche estnische Energieunternehmen Eesti Energia gehen konnte. Laut Medienberichten will die Regierung von Ministerpräsidetn Algirdas Brazauskas das hochprofitable Unternehmen weiter unter staatlicher Kontrolle behalten.

Abschaltung der AKWs

Litauen hat sich gegenüber der EU zur Abschaltung der beiden Reaktoren des als besonders risikoreichen AKW Ignalina bis 2009 verpflichtet. Der derzeit von einem Amtsenthebungsverfahren bedrohte Präsident Rolandas Paksas forderte von der EU Mittel für einen neuen, modernen Reaktor am Standort des Kraftwerkes, das derzeit 70 Prozent des litauischen Strombedarfs deckt.

Die Arbeitslosigkeit ist in Litauen mit 12,7 Prozent (Durchschnitt 1-9/2003) noch immer sehr hoch. Allerdings gelang es der litauischen Regierung, die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren zu senken. Im Jahr 2000 hatte sie noch über 15 Prozent betragen. Es herrscht ein starkes Stadt-Land-Gefälle: In ländlichen Regionen sind bis zu 25 Prozent der Bevölkerung arbeitslos, in den Städten Vilnius und Kaunas werden hingegen in einigen Branchen die Facharbeitskräfte bereits knapp.

Negative Leistungsbilanz

Die negative Leistungsbilanz - in den vergangenen drei Jahren jeweils um die fünf Prozent des BIP im Minus - wird zu einem großen Teil durch die ausländischen Investitionen gedeckt. Die Direktinvestitionen aus dem Ausland betrugen 2003 rund 13,18 Mrd. Litas (3,82 Mrd. Euro). Die meisten davon kamen aus Dänemark, Schweden, Deutschland, Estland und aus den USA. Die österreichischen Investitionen sind mit rund 42 Millionen Litas (rund drei Promille der ausländischen Gesamtinvestitionen) eher bescheiden.

Die Handelsbilanz Litauens ist ebenfalls negativ: Die Importe übersteigen im Vorjahr die Exporte mit rund 35 Prozent. Österreich hatte 2003 laut vorläufigen Zahlen gegenüber Litauen einen Handelsbilanzüberschuss von über 70,5 Mio. Euro. Insgesamt gingen vergangenes Jahr rund 42 Prozent der Exporte Litauens in die EU. Knapp 45 Prozent der Einfuhren kamen aus den Ländern der Europäischen Union.

Haupthandelspartner ist nach wie vor Russland. Hier sorgen vor allem die großteils für den Transit bestimmten Mineralölimporte für einen Anteil Russlands von gut 22 Prozent an den Gesamteinfuhren. Trotz der starken Binnennachfrage in Litauen stiegen in jüngster Zeit die Exporte stärker als die Importe.

Die litauische Währung ist seit Februar 2002 zum fixen Kurs von 3,4528 Litas pro Euro an die europäische Gemeinschaftswährung gebunden. Mit der Einführung des Euro als Landeswährung ist nach Meinung von EU-Experten frühestens 2008 zu rechnen.(APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Altstadt von Vilnius

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