LeserInnen-Stimmen zum "Aufruf zur Damen-Wahl"

21. April 2004, 13:58
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Was der Schriftsteller Peter Roos nun einstecken muss

  • Weibliches Stereotyp

    Den Irrglauben, durch die Wahl einer Frau zur Bundespräsidentin das "Prinzip Patriarchat" brechen zu können, hat die feministische Theorie längst widerlegt und gezeigt, dass diese Form des Denkens selbst in patriarchalen, sprich biologistisch-essenzialistischen Strukturen verhaftet bleibt. Die schiere Tatsache, eine Frau zu sein, ist mitnichten ein Garant für eine frauenfreundliche Politik. Dies würde nämlich eine Politik beinhalten, die prinzipiell für soziale Gerechtigkeit eintritt und die Last der Reproduktion nicht mehr allein den Frauen aufbürdet.

    Das "unverwechselbare Ich", das Peter Roos in Ferrrero-Waldner zu erkennen vermeint, ist nichts anderes als das weibliche Stereotyp, das immer noch für das Soziale und Gefühlvolle stehen muss und von den Werbestrategen entsprechend inszeniert wird.

    Eine politische Wahl sollte politisch entschieden werden.

    ao. Univ.-Prof. Dr. Daniela Hammer-Tugendhat, Universität für angewandte Kunst Wien

  • Pseudomoderne Fassade

    Mehr als peinlich, wie sich Roos von Fotoshop-bearbeiteten Plakatfotos in seiner Irisdiagnose beeinflussen und von der pseudomodernen Fassade der Kandidatin blenden lässt, hinter der indes der katholische Mief der 1950er-Jahre haust (zum Beispiel ihre Ablehnung der Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen). Aber mit seinen reaktionären Vorstellungen von typisch weiblichen und typisch männlichen Eigenschaften ist er da wohl auf einer Wellenlänge mit ihr.

    Nichts gegen das Sprengen gläserner Decken - auch ich habe deswegen meine Stimme Meißner-Blau, Schmidt und Knoll gegeben. Man bedenke aber das fatale kontraproduktive Signal an alle jungen, wirklich modernen Frauen, die etwa Firnberg oder Dohnal nicht mehr in ihren Ämtern erlebt haben, würde jetzt Ferrero-Waldner gewählt: Diese jungen Frauen müssten ja meinen, in Österreich könne eine Frau nur als Hardcore-Extrem-Tussi etwas werden (letztes Beispiel die Exvizekanzlerin). Junge Frauen verdienen aber Vorbilder vom Kaliber etwa einer Vigdís Finnbogadóttir in Island, die als allein erziehende Mutter überhaupt die erste vom Volk direkt gewählte Präsidentin der Welt war, oder einer Mary Robinson in Irland, die als Anwältin 1993 das irische Totalverbot der Homosexualität beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu Fall brachte, oder einer Tarja Halonen in Finnland, die - obwohl selbst nicht lesbisch - in den 1970er Jahren Vorsitzende des finnischen Lesben- und Schwulenverbands war. - Ja, dann wäre es überhaupt keine Frage, der Frau den Vorzug zu geben. Aber so - sicherlich nicht!

    Kurt Krickler, HOSI Wien, 1050 Wien

  • Vorstufe zum Zubeißen

    Bleibt mir nur zu sagen: Bleiben Sie Schriftsteller, als Analytiker von Politik, geschweige denn Emanzipation der Frau sind Sie keinen Pfifferling wert. Eine Unwahrheit - denn ich kann nicht beurteilen, ob der gute Mann das glaubt, was er schreibt - bleibt eine Unwahrheit, egal wie oft sie wiederholt wird. Es geht um die Feststellung, die Stimmentscheidung für Benita Ferrero-Waldner hätte etwas mit Frauenemanzipation zu tun. Sie ist exakt in alle ihre beruflichen, speziell politischen Funktionen gekommen, weil sie gerade das nie war: eine selbstbestimmte, emanzipierte Frau. Sie hat perfekt nach den Regeln der Gesellschaften der grauen, alten Männer gespeilt, die immer noch und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit über Aufstieg in Machtpositionen in Wirtschaft und Politik entscheiden.

    PS: Das ach so offenen Lächeln hat evolutionshistorisch wahrscheinlich als Vorstufe zum Angriff, zum Zubeissen, gedient.

    Stefan Kraus 1170 Wien

    (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.4. 2004)

  • "Aufruf zur Damen-Wahl" von Peter Roos in DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.4. 2004
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