Gerichtsgeschichte: Mord und "Spielchen"

25. April 2004, 21:57
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Sechs Jahre nach dem Raubmord beim Wiener Nobeljuwelier Haban bemüht sich ein Staatsanwalt-Duo einen Mann der Mittäterschaft zu überführen

Wien - Sechs Jahre nach dem Raubmord beim Wiener Nobeljuwelier Haban am Wiener Graben bemüht sich ein Staatsanwalt-Duo, einen in Italien bereits rechtskräftig freigesprochenen Bolognesen doch noch der Mittäterschaft zu überführen. Massimiliano Franzoni (33) bekennt sich dazu seit Montag italienisch unschuldig - das wirkt fast noch unschuldiger, als es heimische Geschworene sonst zu sehen und hören bekommen. Zum Prozess sagt er: "Ich mag dieses Spielchen hier nicht."

Am 9. Mai 1998 misslang der Raub. Geschäftsführer Siegfried Goluch starb nach einem Kopfschuss. "Er war ein sehr netter, feiner und arbeitsamer Mensch", gedenkt eine betagte Zeugin seiner. Die Bedienerin hatte Brot vom Bäcker geholt. Als sie zurückkam, lag Herr Goluch auf dem Boden und rührte sich nicht mehr.

Russenmafia

Da würde das Gericht gerne wissen, ob er nicht doch noch etwas gesagt hat. Denn eine Ärztin will ihn einen "russisch klingenden" Namen flüstern gehört haben, bevor er starb. Das genügte der Exekutive, um die Russenmafia für den Mord verantwortlich zu machen. Als ein Jahr später ein gefasster Italiener seine Freunde des Überfalls bezichtigte, war man ein bisschen verwirrt.

Zum neuerlich angeklagten Franzoni soll es ein prächtig passendes Phantombild geben. Er selbst ist maßlos enttäuscht. "Das ist einfach ein rundes Gesicht! Ein Mann, der 120 Kilo hat, sicher nicht ich. Das könnte viel eher der Anwalt hier sein", sagt er. (Manfred Ainedter weißt diesen Vergleich empört zurück: Nie habe er 120 Kilo gehabt.)

Es gibt keinen Beweis

Das größte Problem der Ankläger: Es gibt keinen Beweis, dass Franzoni zum Tatzeitpunkt in Wien war. Nur sein Ford Sierra soll gesehen worden sein. "Alle Kontakte nach Österreich mit dem Fahrzeug meines Mandanten erfolgten ohne meinen Mandanten", stellt der Verteidiger kategorisch fest. Eine Passantin von damals erinnert sich nur an einen "dumpfen Knall" und an "drei südländisch aussehende Männer".

Als Tatzeuge ist auch Gualterio H. geladen. Der Großkreditkunde der Bank Burgenland, der das Institut in finanzielle Turbulenzen gebracht hatte, war Stammkunde des Juweliers und beim Überfall anwesend. Die Zeugenladung ignoriert er (vorerst). Der Prozess geht am Freitag weiter. (DER STANDARD; Printausgabe, 21.4.2004)

Nachlese

Mordprozess trotzt Freispruch in Bologna - 1998 wurde der Geschäftsführer des Juweliers Haban bei Raubüberfall erschossen - Gerichtsgeschichte von Daniel Glattauer

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    foto: standard
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