Asylwerber kam zu spät auf Psychiatrie

22. April 2004, 21:30
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Ahmad M. nähte sich Augen und Mund zu - aus dem Krankenhaus Rudolfstiftung wurde er nach dem Entfernen der Nähte sofort wieder entlassen

Die Nadelstiche hatte sich Ahmad M. schon Sonntagabend zugefügt, sich dann jedoch ins Bett gelegt. Erst Montagmittag bemerkten Mitbewohner des 35-jährigen afghanischen Asylwerbers in einem Quartier der Diakonie in Wien-Albern die zugenähten Augen und den zugenähten Mund ihres Zimmerkollegen. Ein "eindeutiger Akt der Selbstzerstörung", wie Diakoniemitarbeiter Christoph Riedl betont.

Zwei Jahre gewartet

"Wir haben Polizei und Notarzt verständigt. M. wurde in die Wiener Rudolfstiftung eingewiesen. Dort wurden die Nähte entfernt", schildert der Flüchtlingshelfer. Für ihn ist "völlig unverständlich", weshalb der Asylwerber unmittelbar nach der Behandlung wieder ins Diakoniequartier zurückgebracht wurde. Er selber habe M., der seit zwei Jahren auf den Ausgang seines Asylverfahrens wartet, dann in einem langen Gespräch überzeugt, sich in eine psychiatrische Klinik zu begeben. Dort befindet er sich immer noch.

Auch Wilhelm Marhold, ärztlicher Direktor der Wiener Rudolfstiftung, ist mit dem Vorgehen in seinem Haus nicht zufrieden. Er werde sofort die "Erinnerung an eine Dienstanweisung" in Umlauf bringen, "wonach bei Patienten mit Verdacht auf Selbstgefährdung immer ein Psychiater beizuziehen ist", kündigt er auf STANDARD-Anfrage an. Derweil weist Riedl auf weitere Verzweiflungstaten von Asylwerbern hin. Erst vor drei Wochen habe sich ein Mann im Warteraum des Unabhängigen Bundesasylsenats Nähte im Gesicht zugefügt. (bri/DER STANDARD; Printausgabe, 21.4.2004)

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